26/09/2017 um 06:00

Wie man eine Geschichte schreibt

Abgelegt unter: Author's Notes

Was ich immer sehr bedauerlich finde: Vieler kreativer Arbeit sieht man am Ende nicht an, wieviel Stunden und Stunden an Arbeit drin stecken. Man steht 10 Minuten vor einem Gemälde, schaut 90 Minuten einen Film, hört 3 Minuten einen Song oder liest in einer Woche ein dickes Buch. Natürlich kann man alles auch noch zig-mal wieder anschauen/hören/lesen, aber man wird niemals selber soviel Zeit in das Werk investieren, wie der Künstler, der es erschaffen hat. Manche Werke fressen Jahre an Zeit. Drum hier ein kleiner Überblick darüber, was es heißt, eine Geschichte zu schreiben.

Schritt 1: Planen
Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, eine Geschichte zu planen. Manche benutzen ein Beatsheet, auf dem die wichtigsten Ereignisse notiert werden. Andere haben elaborierte Karteikarten-Systeme, auf denen jedes Kapitel und jede Szene stehen. Ganze Stammbäume für ihre Protagonisten. Manchmal reicht auch ein Schmierpapier. Die Hauptsache ist, dass man grob weiß, bevor man auch nur Zeile geschrieben hat, wie die Geschichte verlaufen soll. Sonst rennt man irgendwann unweigerlich gegen eine Wand des Nichtweiterwissens. Gegen die Wand des Nichtweiterwissens hilft auch Recherche. Geschichtenschreiben ist definitiv nicht nur eine Geduldsprobe, sondern auch eine Tour de Force in der Erweiterung des eigenen Wissens in vielen unvorhergesehenen Sachverhalten. Als ich Nate und Adelie zu Soldaten machte, tat ich das, weil es ihnen Grund gab, an vielen verschiedenen Orten auftauchen zu können. Was ich völlig unterschätzt hatte: Ich musste mir überlegen, wie diese Streitkräfte aufgebaut sind, wie sie ausgebildet werden, was für ein Umgangston dort gepflegt wird, etc pp. Wie fliegen sich Jagdflugzeuge? Wie funktioniert eine Airbase? Wie funktioniert diese futuristische Technik? Funktioniert sie überhaupt? Meine heimische Bibliothek ist seitdem gewaltig mit Nachschlagewerken angewachsen. Ja, ich würde all das auch im Internet finden. Aber das Internet ist ein Fass ohne Boden, ein Kaninchenloch ins Wunderland, und man will da nicht immer reinfallen und erst Stunden später wieder auftauchen – an einem Ort an den man gar nicht wollte. Je nach Genre und Geschichte kann dieser Planungs- und Rechercheprozess ziemlich lange gehen. Historische Romane sind da, glaube ich, am aufwendigsten, weil sie so viele Dinge richtig darstellen müssen. Fantasy und Science Fiction müssen nicht historisch akurat sein, aber in sich stimmig. Deren Welten unterliegen auch Gesetzen und Regeln, die man sich ausdenken und dann aber auch einhalten muss.

Schritt 2: Entwurf #1
Ein weiser Schriftsteller, den ich natürlich jetzt partout nicht wiederfinde, sagte einmal, im ersten Entwurf erzählt man sich die Geschichte selbst. Das ist wichtig aus zwei Gründen: Es nimmt einem den Perfektionsanspruch, und es erlaubt einem, vom Plan abzuweichen, wenn man mittendrin eine bessere Idee hat. Texte sind heutzutage nicht mehr Stein gemeißelt oder mit der Schreibmaschine getippt – und so mühe- und endlos editierbar. Der erste Entwurf kann und darf so richtig grottenschlecht sein. Er ist ja nur ein roher Klotz, aus dem man nachher die schönsten Dinge meißeln kann. Das Einzige was man nicht machen darf: Anfangen daran herumzufeilen, bevor man die Geschichte fertig geschrieben hat – sonst schreibt man nämlich nicht weiter. Je nachdem wie lang das Werk werden soll und wieviel Zeit man zum Schreiben selber hat, sitzt man dann am Erstentwurf. Natürlich kann man an so Absurditäten wie dem National Novel Writing Month (kurz NaNoWriMo) teilnehmen, um in einem Gewaltakt in einem Monat 50.000 Worte runterzuschreiben – das heißt 1.666 Worte am Tag. Wenn man den Druck braucht… mir war bisher mein Schlaf wichtiger. Wenn ich gerade in einer Phase bin, in der ich täglich schreibe, habe ich mir ein Mindestziel von 200 Wörtern gesetzt, meistens werden es mehr. Wenn’s läuft, brauche ich für die 200 Wörter nur 20 Minuten. Manchmal dauert es aber auch 2 Stunden.

Schritt 3: Entwürfe #2 bis #N
Nun beginnt die eigentliche Arbeit, die, für die man unendlich viel Geduld und noch mehr Zeit braucht. Das Überarbeiten. Und das heißt nicht nur, Tippfehler suchen und kruden Satzbau gerade ziehen. Das heißt Charakteren mehr Persönlichkeit geben; Szenen streichen, um oder gleich ganz neu schreiben; oder feststellen, dass manches nicht so funktioniert wie man sich das vorstellt und deswegen Dinge umbauen. Das Gemeine an Geschichten: Ändert man an einer Stelle was, muss man sicher auch an einer anderen Stelle was ändern, denn alles ist miteinander verwoben. Überarbeiten ist mühselig, und ab einem gewissen Punkt kommt einem, weil man alles schon x-mal gelesen hat, alles langweilig und fade vor. Trotzdem mag ich diesen Schritt eigentlich am liebsten. Es ist ein bisschen wie Silber polieren – man nimmt etwas das glanzlos und blind ist, und poliert solange bis es glänzt und funkelt.

Schritt 4: Beta-Leser
Wenn man das Gefühl hat, die Geschichte ist soweit komplett, lässt man sie auf eine ausgewählte Öffentlichkeit los: Die Beta-Leser. Die haben die ehrenvolle Aufgabe, Feedback zu geben. Manche Autoren geben ihren Beta-Lesern eine vordefinierten Fragenkatalog mit, um zu ganz bestimmten Dingen eine Rückmeldung einzuholen, wie z.B. ob ein Charakter sympathisch ist, oder nicht. Beta-Leser finden auch Löcher in der Logik; Wörter oder Bilder, die man zu oft verwendet, und dergleichen mehr. Wenn man ihre Rückmeldungen bekommen hat, heißt es wieder: Zurück zu Schritt #3.

Schritt 5: Loslassen
Eine Geschichte ist nie fertig. Man findet immer und immer wieder was, was man anders und besser machen kann. Deswegen muss man sich zwingen, einen Punkt zu finden, an dem man sagt: Bis hierhin und nicht weiter. Zeit, das Ding zu veröffentlichen.

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