21/01/2018 um 06:00

Ep.12 – Unerwartete Hilfe

Der nackte Metallboden des Helikopters erschien Nate wie das Paradies, versprach er doch eine heiße Dusche und medizinische Versorgung in weniger als zehn Minuten Flugzeit. Jemand rüttelte ihn an der Schulter.
“Nate, ist alles in Ordnung?” Was machte Leslies Stimme an Bord einer Hornet 32? Er blickte auf, und tatsächlich, seine Ohren hatten ihm keinen Streich gespielt, vor ihm saß tatsächlich Leslie, und neben ihr ein dicker Notfallkoffer.
“Was machst du denn hier?” Er starrte sie wahrscheinlich mauloffen an, aber als dann auch noch Ophelia neben ihr auftauchte, war seine Verwirrung komplett.
“Hey, Nate – sieht aus als hättet ihr eine ungemütliche Nacht gehabt, eh?” Ophelia grinste, und ihr Iro schien sich vor Abenteuerlust fast aufzurichten. Er rieb sich das Gesicht.
“Mädels – was macht ihr hier? Seit wann seid ihr in Search and Rescue?”
Leslie zeigte auf Ophelia. “Sie hier hat eure sehr schwachen InstaComm-Signale tracken können, Olga hat sich den Heli geborgt, und ich mir die Pflasterbox da. Und schon waren wir auf dem Weg zu eurer Rettung.”
“Das heißt, Olga fliegt die Hornet?!” Nate war froh, dass er bereits auf dem Hosenboden saß, denn die Vorstellung, dass die stille Biologin Hubschrauber fliegen konnte, war zu viel für seinen übernächtigten Kopf. Leslie hatte sich derweil Adelie zugewandt, die sich aufgerappelt hatte. Unter schwachem Protest untersuchte sie sie, und griff sich dann das Bord-Funkgerät. “MedCare? Hier ist Leslie Andresen vom SRT Rocket Sisters. Wir haben zwei leicht verletzte Soldaten an Bord. Eine Platzwunde und kleinere Kratzer, und einmal Verdacht auf Gehirnerschütterung und eine geprellte Schulter. Wir sind in 5 Minuten da.”
“SRT Rocket Sisters?” Nate biss sich auch die Lippen, um nicht zu Lachen. “Das hast du dir gerade ausgedacht, oder? Ihr habt nicht ein offizielles Callsign?”
Ophelia grinste. “Auch wenn man eine nicht-autorisierte Operation fliegt, man kann zumindest so tun als würde man dazu gehören.”
Er nickte. “Was ist überhaupt passiert? Wir wurden von dem Sturm überrascht und dann stieg der Navigationscomputer aus. Steht die Airbase noch?”
Die Technikerin setzte sich neben ihn auf den kalten Boden. “Die Airbase steht noch, aber irgendwer hat den Wetterbericht für den Tag frisiert – ihr hättet niemals rausgehen dürfen. Zum Glück hatte niemand ein größerer Flugmanöver geplant. Momentan sind alle im Modus “Kopfloses Huhn” und versuchen, die versprengten Kadetten wieder einzusammeln, aber der Sturm hat irgendwas in der Atmosphäre von Westerhaven gründlich durcheinander gewirbelt – und das wirkt wie ein gigantischer Frequenz-Dämpfer. Purer Zufall, dass ich Adelies InstaComm-Signal ausmachen konnte…”
“Ohne diverse Zufälle hätten Adelie und ich die Nacht nicht überlebt. Auf einen mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr drauf an.”
Olga landete den Heli in Cowboymanier direkt vor dem MedCenter der Airbase. Leslie geleitete Adelie und Nate in die Notfallaufnahme, und ihre resolute Art ermöglichte es, dass Adelie sofort weitertransferiert wurde. Nates eigener Check-up durch einen MedBot dauerte nur ein paar Minuten, denn er hatte wirklich nur ein paar Kratzer. Dann befand er sich wieder draußen in einem kahlen, neonerleuchteten Flur. Die Wände waren zur Hälfte hell- und dunkelblau gestrichen. Niemand war zu sehen, aber das ganze Krankenhaus schien mit Aktivität zu summen. Eine der Leuchtstoffröhren war kaputt und flackerte mit rhythmischen Klacken. Er suchte und fand eine Sitzgruppe gegenüber der Doppeltüren, die in den Behandlungsbereich führte, in dem Leslie mit Adelie verschwunden war.
Die Zeit verstrich im Schneckentempo, während er wartete. Nach gefühlten Stunden, was höchstens eine gewesen sein konnte, kam Adelie durch die Türen, Leslie im Schlepptau. Sie blieb einen Moment stehen um sich zu orientieren und lächelte, als sie ihn auf den unbequemen Plastikstühlen sitzen sah. Im kalten Licht des Krankenhausflures war ihre Haut durchsichtig blass, und ihre Augenringe fast lila. Sie tapste zwei müde Schritte auf ihn zu, doch er stand auf und nahm sie in die Arme. Mit einem tiefen Seufzen lehnte sie sich an ihn.
“Was sagt der Schadensbericht?” murmelte er in ihren zerzausten Scheitel. Adelie presste ihr Gesicht gegen sein Brustbein und sprach so leise, dass er sie fast nicht verstand.
“Gehirnerschütterung und eine geprellte Schulter sowie zahllose Hämatome.”
“Ouch.”
“Sie haben mir Schmerzmittel gegeben. Mit einer Spritze… direkt in die Schu- schu- schulter…” Sie hob den Kopf, ihre Augen wurden weit, dann verdrehten sie sich nach oben und sie sackte in sich zusammen.
“Hey, Lily!” Er konnte sie gerade noch auffangen, aber so ganz ohne Muskeltonus war sie erstaunlich schwer. Leslie half ihm, sie auf den Boden zu legen.
“Halte ihre Füße hoch, ‘kay? Adelie? Aufwachen!” Sie klapste schonungslos auf Adelies Wange, bis diese nach ein paar Sekunden blinzelte und sie beide verständnislos ansah.
“Was… huh?”
“Ich glaube, du hast die Spritze nicht vertragen, Liebes. Bleib einen Moment liegen, dir geht’s gleich wieder gut.” Leslie strich ihr über die Haare.
“Ich will nach Hause.” Adelies Stimme hörte sich danach an, als wäre sie am Ende ihrer Kräfte und ihrer Geduld. So, als würde sie gleich anfangen zu weinen. Sein Beschützerinstinkt kam auf Hochtouren, und müde wie Nate selbst war, konnte er ihn auch nicht eindämmen. Er kniete nieder und schob einen Arm unter Adelies Knie, und den anderen unter ihren Rücken, dann hob er sie hoch. Sie schlang einen Arm um seinen Hals und lehnte ihren Kopf an seine Schulter.
“Zeit, dich ins Bett zu bringen, meine Liebe.”
“Das hört sich nach einem wundervollen Plan an. In welches?”
Am Ende fuhren sie zu ihrer Wohnung, weil sie näher war und sie beide keine Energie mehr hatten, Bob und Eddy ihre Erlebnisse zu erzählen. Adelie kuschelte sich an ihn, als er frisch geduscht zu ihr unter die Decke schlüpfte, und war innerhalb von fünf Minuten eingeschlafen. Ihr leises Schnarchen hatte einen beruhigenden Effekt auf seine strapazierten Nerven. Sie schlief, sie hatte keine Schmerzen. Langsam wurden auch ihm die Glieder schwer und er fiel in einen traumlosen Schlaf. Er erwachte am nächsten Morgen davon, dass ihm jemand durch die Haare strich. Schlaftrunken drehte er sich auf die Seite und presste sein Gesicht in Adelies warme, weiche Brust. Ihr Shirt roch nach Schlaf und Adelie und Zuhause, und sie kraulte seinen Nacken liebevoll. Er grunzte zufrieden. Leises Lachen war die Antwort, gefolgt von einem ebenso leisen “Au.” Er hob den Kopf um zu sehen wie es ihr ging.
“Hey.”
“Hi.” Sie war immer noch blasser als sonst, aber in ihren Augen blitzte schon wieder der Schalk.
“Wie fühlst du dich?”
Sie seufzte. “Wie Achtzig. Zeit für die nächste Dosis Schmerzmittel.”
Er strich ihr die Haare aus dem Gesicht und küsste sie. “Du bist aus verdammt hartem Holz geschnitzt.”
Ein schiefes Grinsen. “Du auch.”
Er nutze die Chance und küsste sie. Ihre Hände schoben sich erst in seine Haare, dann in seinen Nacken und schließlich kreuzten sich ihre Arme hinter seinem Kopf, doch das bekam er schon nicht mehr mit. Er war zu sehr vertieft in einen langen, leidenschaftlichen Kuss.
“Du machst mich fertig,” murmelte er schließlich. Sie kicherte.
“Warum?”
Er zog sie an sich, bis ihr Kopf auf seiner Schulter lag, und ihre Hand auf seiner Brust. “Manchmal ist der Gegensatz zwischen Soldatin und Mädchen einfach zu krass. Du bist so süß und anschmiegsam wenn du neben mir liegst, und ich habe Schwierigkeiten, dieses Bild mit der jungen Frau in Einklang zu bringen, die im Wald im Kampfanzug, schlammverschmiert unter Schmerzen ins Camp laufen wollte.”
“Ist das nicht genau das, was du an mir so reizvoll fandest, so vor etwa sechs Monaten?” Sie grinste ihn an, mit einer Augenbraue neckend hochgezogen. Und sie hatte recht, der Kontrast war reizvoll, sie war die interessanteste Frau die er je getroffen hatte. Er verschränkte seine Finger mit ihren und küsste ihre Fingerknöchel.
“Du bist das Salz in der Suppe meiner Tage, Babe. Ich würde dich um nichts in der Welt hergeben. Noch nicht mal, wenn mich deine Sturheit wahnsinnig macht.”
Sie seufzte und kuschelte sich fester an ihn. “Ich gebe dich auch nicht mehr her. Wir sind ein gutes Team, das weiß ich jetzt.”

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