14/01/2018 um 06:00

Ep. 11 – In der Patsche

Ihr warmes Kissen bewegte sich, und Wolken von wirren Träumen drifteten davon. Adelie rieb sich leise stöhnend die Stirn. Ihr Kopf schmerzte immer noch.
“Hey, Schlafmütze.” Ein Kuss auf ihren Scheitel. “Sorry, ich wollte dich nicht wecken.” Nate legte ein weiteres Scheit Holz in das Feuer, und lehnte sich dann wieder zurück.
“Ich bin wohl eingenickt.” Sie verschwieg, dass sie sich erst in seinem Arm getraut hatte, der bleiernen Müdigkeit in ihr nachzugeben, doch sein besorgter Blick machte ihr ein schlechtes Gewissen. Er hatte die Beine angewinkelt und stützte die Ellbogen darauf ab, während seine schlanken Finger ein trockenes Blatt zu Konfetti verarbeiteten. Mit leisem Knistern verbrannten die Schnipsel in den Flammen. Sie lehnte sich wieder an ihn, und der kümmerliche Rest des Blattes fiel zu Boden, als sich seine Arme um sie schlossen.
“Körperkontakt zur Erwärmung eines anderen Soldaten steht übrigens im Überlebenshandbuch,” murmelte er in ihre Haare. “Falls du dir gerade um das Protokoll Sorgen machst.”
Sie kicherte in die Falten seines Pullovers. “Ich weiß. Und ich bin gerade viel zu fertig, um mir um irgendetwas anderes Sorgen zu machen, als wie wir wieder nach Hause kommen.”
Ihre Sorgen waren berechtigt, denn bei Tagesanbruch stellte sich heraus, dass ihre InstaComms in einem Funkloch hingen und der Navigationscomputer immer noch keinen Empfang zum Peilsender herstellen konnte. Nates Kiefermuskulatur war bedrohlich angespannt, als er auf den kleinen Bildschirm starrte. Dann sackte er zusammen und setzte sich auf einen der zahllosen Felsbrocken, die verstreut in der schmalen Kluft lagen. Der Computer fiel mit einem leisen Pfump in den Matsch zu seinen Füßen.
“Hey, Tiger. Warum so mutlos?” Sie setze sich neben ihn. Die Felswände und Ranken um sie herum glänzten feucht in nebliger Luft. Der Himmel war ein milchiges Weiß, und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Sonne durchkommen würde. “Du hast uns gestern doch so sicher mit Kompass und Karte gelotst. Warum solltest du das heute nicht hinbekommen?”
Er seufzte, und fischte den Monitor aus dem Matsch. “Weil das so langwierig ist. Weil ich gerade keine Ahnung habe, wo wir sind. Weil ich dich so schnell wie möglich und auf dem kürzesten Weg ins MedCare Lazarett bringen wollte.”
“Wir können nicht so weit weg vom letzten Check-in sein.” Sie faltete die Karte auseinander. “Wir sind zwar etwas aufgescheucht durch den Wald gestolpert, aber das waren keine Kilometer. Schau, hier ist dein letztes Kreuzchen.” Sie zeigte auf die Stelle, und studierte die Karte dann weiter. “Hier ist der Hügel, und hier… hier ist der Abhang den wir hinuntergestürzt sind.”
“Danke, Babe.” Er beugte sich herüber und schmatzte ihr einen Kuss auf die Schläfe. “Was würde ich nur tun, wenn ich dich und deine Besonnenheit nicht hätte?”
“Hier sitzen und Trübsal blasen?”
Er fuhr sich durch die Haare und kratzte sich verlegen im Nacken. “Das ist allerdings die Frage. Sollen wir hier warten bis uns jemand einsammelt, oder versuchen wir, das Camp zu erreichen?”
“Warten erscheint mir unproduktiv, und es ist nicht so, als wüssten sie, wo sie mit der Suche anfangen sollen. Ich bin dafür, wir laufen los in Richtung Camp.”
“Du bist verletzt, du kannst deinen Arm nicht benutzen und ich bezweifle, dass deine Schulter vom Gewicht des Rucksacks begeistert sein wird.”
Adelie fühlte Trotz in sich aufwallen. “Ich will nicht hier sitzen und warten bis mich jemand rettet!”
Nate sah sie erstaunt an. “Woah, okay, okay. Aber dann lass mich wenigstens so umpacken, so dass du weniger tragen musst.”
Als sie auf halber Höhe des Abhangs waren, den sie heruntergefallen waren, begann sie ihre Entscheidung zähneknirschend zu bereuen. Nate hatte Recht gehabt, sie konnte ihren Arm dank der verletzten Schulter kaum benutzen, und dies machte die Kletterei nicht einfacher. Der Hang war steil, der Boden durchweicht und rutschig, und sie hatten nur die Ranken zum Festhalten. Die Schmerzen machte sie ungewohnt kurzatmig, und als sie endlich oben angekommen war, musste sie sich erstmal hinsetzen. Er sah sie nur an und sie konnte förmlich sehen, wie er eine Bemerkung herunterschluckte, und sich stattdessen dem Kartenstudium widmete. Der Wald um sie herum war ein einziges Trümmerfeld aus umgestürzten Bäumen und heruntergewehten Ästen. Auch der weitere Weg würde kein Spaziergang werden.
“Und, was sagt der Navigator?”
Nates zusammengepresste Lippen verzogen sich zu einem minimalen Lächeln, und er faltete die Karte umständlich zusammen. “Der sagst, da runter. Wir müssen wieder zu diesem Bächlein.”
“Okay.” Sie erhob sich und verzog keine Miene, auch wenn ihre Schulter gegen die erneute Belastung durch den Rucksack protestierte. Wenn sie ins Camp wollte, musste sie da durch. Wehleidigkeit war etwas für Weicheier. Nate ließ ihr den Vortritt, so dass sie das Tempo bestimmen konnte, und im Gänsemarsch suchten sie sich ihren Weg durch das Wirrwarr an gestürzten Bäumen. Es war mühsam und anstrengend, und mehr als einmal mussten sie über einen der gefällten Giganten klettern. Nach zwei Stunden erreichten sie endlich den Bach, der sich von einem beschaulichen Flüsslein zu einem reißenden Gewässer gemausert hatte. Adelie ließ sich erschöpft auf einen am Boden liegenden Baumstamm sinken. Schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen, und sie hatte das Gefühl, sämtliche Kleidungsschichten durchgeschwitzt zu haben. Nate setzte sich wortlos neben sie und reichte ihr die Thermoskanne mit ihren Wasservorräten. Seine Kiefermuskeln waren immer noch angespannt, und seine Brauen bildeten einen buschigen Strich über zusammengekniffenen Augen. Schließlich räusperte er sich und sagte: “Bleib doch einen Moment hier sitzen und komm’ wieder zu Kräften. Ich kann ja schonmal ein Stück des Weges auskundschaften.”
“Im Überlebenshandbuch steht, dass man sich nicht trennen soll. Was, wenn dir was passiert?”
“Sei nicht albern, was soll mir hier schon passieren?”
Wie um seinen Worten zu widersprechen, schnellte zwei Meter vor ihrem Sitzplatz plötzlich ein Ast in die Höhe, der unter Spannung gestanden hatte. Adelie sah ihn an. “Noch Fragen? So ein Ding muss dich nur erwischen.”
Nate holte tief Luft. “Okay. Dann bleiben wir hier und warten auf Hilfe. Du bist fix und fertig, und das Gelände ist nicht sicher. Wir hätten erst gar nicht loslaufen sollen.”
“Aber…”
“Nichts aber.” Er drehte sich zu ihr um, und seine blauen Augen schienen Funken zu sprühen. “Wir bleiben hier. Die Lichtung ist gut einsehbar, und wir haben ein halbwegs sicheres Plätzchen zum Warten.”
Ein wütender Nate war außerordentlich attraktiv, wie Adelie zu ihrem Erstaunen feststellte. Und ihr abgekämpfter Körper hatte keinerlei Reserven, um der geballten Menge Testosteron Widerstand zu leisten. Instinktiv griff sie nach seinem Jackenkragen, zog ihn zu sich und küsste ihn. Hart. Unmissverständlich. Nate antwortete ihr in gleicher Weise, bis sie beide keine Luft mehr hatten. Stirn an Stirn saßen sie auf dem Baumstamm, und starrten sich atemlos in die Augen. Schließlich strich er ihr liebevoll eine Haarsträhne hinter das Ohr und murmelte: “Verdammt, jetzt habe ich dich dazu gebracht, deine Prinzipien zu brechen.”
“Lieber ein gebrochenes Prinzip als einen verzweifelten Mann. Kann es wohl nicht erlauben, dich länger als 12 Stunden ungeküsst zu lassen. Du wirst sonst unleidlich.”
“Damn right.” Er umfasst ihr Kinn mit seiner Hand und küsste sie erneut, allerdings wesentlich sanfter. Von irgendwoher erklang gedämpftes Knattern, das rasch lauter wurde. Sie ließen von einander ab und hoben die Köpfe.
“Meinst du, das ist…?” Adelie wollte nicht zu hoffnungsvoll schauen.
“Das ist hoffentlich ein Search and Rescue Team.”
Tatsächlich, über den Baumwipfeln erschien ein Helikopter vom Typ Hornet 32 und hielt direkt auf sie zu. Auf der Lichtung lagen zu viele Bäume, als dass er hätte landen können, aber er sank soweit wie möglich herab und eine Strickleiter wurde abgeworfen.
“Los Babe, du zuerst.” Nate schubste sie vorwärts.
Adelie betrachtete skeptisch die baumelnde Leiter. Fünf Meter senkrecht nach oben würde ein Heidenspass werden mit einem Arm, den sie nicht höher als Brusthöhe heben konnte. Sie angelte mit ihrem gesunden Arm nach der Leiter und begann den Aufstieg. Mit zusammengebissenen Zähnen erklomm sie Sprosse um Sprosse, den Protest ihrer Körpers ignorierend. Die Kante der Tür war schon in Reichweite, als ihr endgültig die Kräfte schwanden. Wie ein nasser Sack klammerte sie sich fest, aber die Vorstellung einen Handgriff mehr zu machen, trieb ihr die Tränen in die Augen. Nate tauchte auf der Höhe ihrer Hüfte auf.
“Komm, du schaffst das!”
“Ich weiß nicht, ich fühle mich wie aus Gummi.”
“Doch, ich weiß es. Ich drücke von unten.”
Über ihnen erschien ein Kopf und helfende Hände streckten sich nach ihr aus. Mit Hilfe von oben und unten purzelte sie schließlich in den Laderaum des Helikopters.
“Adelie, Liebes! Alles in Ordnung? Du siehst furchtbar aus!”
Über ihr erschien ein bekanntes Gesicht. “Leslie?”

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