07/01/2018 um 06:00

Ep.10 – Geduldsprobe

Nate gingen die Ablenkungsmöglichkeiten aus. Er hatte ihre Jacken aufgehangen, sowie das Totholz in Stücke gehackt und aufgeschichtet. Er sah zum bestimmten zehnten Mal in den kleinen Kochtopf, um zu sehen, wieviel Wasser bereits hinein getropft war. Dann konnte er es nicht länger vermeiden und warf einen vorsichtigen Blick auf das jämmerliche Bündel, das auf der Isomatte lag. Adelie hatte sich bis zur Nasenspitze in den Schlafsack eingewickelt. Der Anblick schnürte ihm die Luft ab. Seine eigenen Blessuren waren Kinkerlitzchen im Vergleich zu dem, was er fühlte, wenn er Adelie da liegen sah, die Augen geschlossen und ihr apartes Gesicht kalkweiß. Sie war hart im Nehmen, aber das Wissen, nichts für sie tun zu können, machte ihn wahnsinnig. Wahnsinnig genug, um sie hochzuheben und durch Sturm und Nacht zum Basiscamp laufen zu wollen. Er hielt es nicht länger aus und setzte sich neben das Häufchen Elend aus Schlafsack und Mädchen.
“Hey.” Er strich ihr liebevoll über die Stirn. Sie öffnete die Augen und ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen. “Alles klar, Trooper?” Aus dem Lächeln wurde ein schiefes Grinsen und in das Schlafsackbündel kam Bewegung. Vorsichtig setzte sie sich auf.
“Uuuh.”
“Langsam, Babe.”
“Dann dauert es ja noch länger, bis die Welt wieder damit aufhört, sich zu drehen.” Sie hielt sich den Kopf. Er unterdrückte das Verlangen, sie in den Arm zu nehmen, damit nicht gleich wieder das Karussell losging. Schädelbrummen war ihm als Rugbyspieler nicht fremd. Stattdessen nahm er ihre kalte Hand in seine. Zu seiner Überraschung lehnte sie sich an ihn. “Warum seid ihr Kerle immer so schön warm?” murmelte sie.
“Damit wir euch Frostbeulen wieder aufwärmen können,” antwortete er, und zog sie näher zu sich. Sie war zitterte. Mit ein bisschen Anlehnen war das nicht behoben. Er streckte den Arm aus und legte ein weiteres Stück Holz ins Feuer. Dann wuchtete er Adelie in seinen Schoß, so dass ihr gesamter Oberkörper mit seinem Kontakt hatte, und zog den Schlafsack über sie. Ihr Kopf lehnte an seiner Schulter und ihre eisige Nasenspitze stieß an seinen Hals, was einen Gänsehautschauer zwischen seinen Schulterblättern zur Folge hatte. Sie seufzte und kuschelte sich instinktiv an ihn. Langsam ließ das Zittern in ihr nach, und unter dem Schlafsack breitete sich wohlige Wärme aus. Ihre Nähe beruhigte seine eigenen Nerven und Atmen fiel trotz ihres Gewichtes plötzlich leichter. Sie steckten zwar beide immer noch in feuchten, schlammigen Klamotten, und sie würden die Nacht in dieser kleinen Höhle verbringen, aber er sah dieser Tatsache gelassener ins Auge als noch vor einer Viertelstunde. Mit ihrem Kopf unter seinem Kinn, sie fest in den Armen haltend, betrachtete er ihr temporäres Zuhause zum ersten Mal genauer. Die dunkelgrauen Felswände waren glatt, als hätte sie vor langer Zeit einmal Wasser glattgeschliffen. Der Boden war erdig und trocken, und am Fuße der Wände hatten sich trockene Blätter, Ästchen und anderes natürliches Gerümpel angesammelt. Das Feuer loderte und begann langsam, die klamme Luft aufzuwärmen. Vor dem Rankenvorhang rauschte immer noch der Regen in der mittlerweile hereingebrochenen Nacht. Der Topf war endlich voll mit Wasser und sobald Adelie wieder Farbe im Gesicht hatte und sich nicht mehr wie ein Eiszapfen in seinen Armen anfühlte, würde er ihnen einen Tee kochen.
Für das glückliche Lächeln, dass sie ihm aus ihrer Schlafsackfestung schenkte, als er ihr besagten Tee eine halbe Stunde später reichte, würde er die Strapazen glatt noch einmal auf sich nehmen. Während sie den Tee trank, beschäftigte er sich damit, eine Zwiebel, die Reste der Salami und eine Möhre in kleine Würfel zu schnippeln.
“Warum schleppst du Gemüse mit dir herum?” kam es schließlich aus Adelies Ecke.
“Beschwerst du dich etwa, dass wir gleich etwas Warmes im Bauch haben werden?”
“Nein… ich zweifle nur etwas an deinem Verstand. Was für Schätze hast du noch in deinem Rucksack?”
Er grinste, und schabte die Gemüse- und Salamiwürfel mit einem Klecks Butter in den Topf. Den Tee hatte er in die Thermoskanne gefüllt. “Schätze habe ich keine mehr, aber so ein oder zwei Proteinriegel dürften sich noch irgendwo verstecken.”
“Wie weit sind wir noch vom Camp weg?”
Die Tatsache, dass sie sich wieder mit den tatsächlich wichtigen Dingen beschäftige, verriet, dass sie auf dem Weg der Besserung war.
“Es waren noch etwa 5 Kilometer beim letzten Checkpoint. Lächerlich wenig, eigentlich. Wir lagen echt gut in der Zeit.”
“Das hätte viele Punkte gegeben.”
“Kümmere dich nicht um die Punkte. Ich glaube nicht, dass diese Übung bewertet werden wird.”
Adelie stützte ihr Kinn auf ihre Knie. “Du hast wahrscheinlich recht, aber ärgern tut es mich trotzdem. Das wäre gut für das Barracuda Rating gewesen. Nun haben wir weniger verbleibende Möglichkeiten, eine gute Ausgangsbasis zu erreichen, bevor es an das eigentliche Rating geht.”
Er schüttelte den Kopf, und krümelte einen Brühwürfel in den Topf, den er zuvor mit dem restlichen Wasser aufgefüllt hatte. Die Suppe war sicher nicht das Beste, was er je für sie gekocht hatte, aber sie wärmte von Innen und belebte sichtlich Adelies Lebensgeister. Dennoch zuckte sie jedesmal zusammen, wenn sie sich zu schnell bewegte. Ihre Schulter schien ihr mehr Probleme zu machen, als sie zugeben wollte. Um sie und sich davon abzulenken, fragte er beiläufig beim Saubermachen seiner Kochutensilien: “Hattest du während deiner Karriere mal einen schweren Unfall?”
Sie lachte. “Unfälle hatte ich viele, das gehört zu Autorennen ja dazu. Besonders zu Planet 500 Rennen. So richtig zerlegt hat es mich aber nur einmal, relativ am Anfang meiner Planet-Karriere.”
“Was ist passiert?”
“Klassische Selbstüberschätzung. Wer bremst verliert, nicht wahr? Der Stein der mir im Weg lag, sah das anders, und hat mich samt Auto einmal ordentlich auf’s Kreuz gelegt.”
Er wischte den Topf mit einem Tuch aus und stellte ihn wieder unter den immer noch tropfenden Rankenvorhang. “Du hast nie den Eindruck erweckt, an Selbstüberschätzung zu leiden. Im Gegenteil, du bist immer sehr besonnen und überlegt.”
Sie grinste ihn etwas verlegen an. “Wenn man ein Auto für 500.000 Credits wegen einem doofen Stein zerstört, überlegt man es sich anschließend zweimal, was man tut, und was man lässt. Ganz abgesehen davon, dass mir nur wie durch ein Wunder nichts Schlimmeres passiert ist.”
“Ist das der Grund, warum du mich nicht küssen willst, wenn du eine Uniform trägst? Angst den Kopf zu verlieren?”
Adelie zupfte an ihrem feuchten Pullover und sah ihn nicht an, als sie sprach: “Ja und Nein. Zum einen will ich nicht, dass du und ich etwas Relevantes übersehen, nur weil wir der Meinung sind, uns küssen zu müssen. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn etwas schief geht und ich hätte es verhindern können wenn ich nicht abgelenkt gewesen wäre. Außerdem finde ich, es ist nicht professionell.”
Er lachte und knuffte sie liebevoll in den Oberschenkel. “Besonnen und überlegt, immer einen Schritt weiter als der Rest von uns.”
Sie sah unvermittelt auf. “Es ist nicht so, dass ich nicht wollen würde, Nate. Jetzt gerade fehlt mir deine Nähe sehr.”
Nate wußte nicht, wie er mit dieser Offenbarung umgehen sollte. Also legte er ihr seinen Arm um die Taille und zog sie näher zu sich. Zu seiner Erleichterung lehnte sie sich an ihn. Ihre Hand schlüpfte in seine, und ihre Finger verschränkten sich ineinander. Sie saßen einfach nur da, aneinander gelehnt, Hand in Hand, und starrten ins Feuer, bis der Holzklotz den er zuletzt hineingetan hatte, fast heruntergebrannt war. Als er Holz nachlegen wollte, merkte er, dass Adelie eingeschlafen war.

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