17/12/2017 um 06:00

Ep.09 – Hochmut kommt vor dem Fall

“Lily! Come on, Babe – tu mir das nicht an!”
Adelie blinzelte. Aus dem verschwommenen Bild vor ihr wurde mit einiger Anstrengung schließlich Nates besorgtes Gesicht. Eine Welle an Übelkeit überkam sie und sie drehte sich würgend zur Seite. Ihr Kopf dröhnte. Er tätschelte liebevoll ihre Schulter, und sie zuckte zusammen, als ein stechender Schmerz wie ein glühendes Schwert durch eben diese fuhr.
“Autsch.” Sie drehte sich wieder auf den Rücken, und starrte in den Himmel. Regentropfen klatschten ihr ins Gesicht. Sie fühlte sich benommen und elend.
“Hey.” Nates Gesicht tauchte wieder in ihrem Gesichtsfeld auf. “Alles in Ordnung?” Er hatte eine Platzwunde am Kopf und eine Schramme am Jochbein, aber schien ansonsten guter Dinge zu sein.
Sie versuchte ein Grinsen. “Was ist passiert?”
Er deutete auf den steilen Abhang hinter ihr. Oben schwankten die Bäume immer noch bedrohlich im tosenden Wind. “Wir sind da runtergekullert wie Bowlingkugeln.”
“Huh. Ich glaube, das muss ich kein zweites Mal ausprobieren.”
“Status Report?”
“Mir ist schlecht, schwindelig und meine Schulter tut mir weh.”
Er nickte. “Kannst du dich hinsetzen?”
Sie versuchte es, und für einen Augenblick geriet die ganze Welt aus den Fugen. Mit aller Gewalt gelang es ihr, ihren Magen davon zu überzeugen, nicht noch einmal den Rückwärtsgang einzuschalten, und schließlich beruhigte sich auch die Optik wieder. Sie befanden sich in einer kleinen Kluft, links und rechts ragten felsige Wände mal mehr, mal weniger steil nach oben. Durch puren Zufall hatten sie keine Stelle erwischt, an der es senkrecht nach unten gegangen war. Der Boden war steinig, und hier und da wuchsen borstige Grasbüschel. Die Felswände waren zum Teil mit dichten Rankenteppichen bedeckt, die sich in den Windböen bewegten wie lebende Bettlaken.
Als sie ihren Rucksack zurechtruckte, tobten erneut stechende Schmerzen durch Schulter und Brustkorb, und sie sah schwarze Punkte vor ihren Augen tanzen.
Nate sah sie prüfend an. “Vielleicht bleibst du besser einen Moment sitzen, und ich kundschafte die Umgebung aus. Vielleicht finde ich ja einen Überhang oder etwas ähnliches.”
“Was ist das da? Hinter dem Rankenzeug da?” Sie zeigte hinter ihm auf eine überwachsene Steilwand.
“Ich schau es mir an und bin gleich wieder da.” Er klopfte beruhigend auf ihre unverletzte Schulter.
“Ich laufe dir sicher nicht weg.” Im Gegenteil, gerade war ihr Bedürfnis, sich einfach wieder in den Dreck zu legen und sich den Elementen zu überlassen, überwältigend groß. Eine kleine Stimme in ihrem Kopf nannte sie ein Weichei und erinnerte sie an den Unfall im Rennen von Krakatuum. Um sich von ihrer eigenen Vergangenheit abzulenken, beobachtete sie Nate, der inzwischen an der Stelle in der Steilwand angekommen war. Eine dichte Decke an grünen Ranken wuchs dort, und bewegten sich den Böen. Nate zog sie wie einen Vorhang zur Seite und verschwand dahinter. Dann tauchte er wieder auf, und grinste breit. Offensichtlich hatte sie ein weiterer dummer Zufall direkt vor einen Unterschlupf geführt. Nate kehrte zu ihr zurück und nahm ihr ihren Rucksack ab.
“Kannst du laufen, oder soll ich dich Huckepack nehmen?” Er kniete neben ihr, sein Blick sorgenvoll. Sie streckte die Hand aus und er half ihr beim Aufstehen. Wieder drehte sich die Welt um sie herum für ein paar Sekunden, aber ihr Magen verhielt sich diesmal still.
“Ich glaube, ich kann selbst laufen.”
“Du glaubst, oder du weißt?” Er zwinkerte ihr zu und sie streckte ihm die Zunge heraus.
“Ich glaube. Wissen kann ich gerade nichts, dafür dröhnt mir der Schädel zu sehr.”
Langsamer als ihr lieb war erreichten sie schließlich die Stelle in der Steilwand. Hinter dem grünen Vorhang verbarg sich eine kleine Höhle. Trocken. Und windgeschützt. Ein Platz zum Ausruhen und Abwarten, bis das Unwetter sich verzogen hatte.
“Ohne den Absturz hätten wir das nie entdeckt.” Sie fühlte sich einen Moment leicht wie eine Feder, bis die schmerzhafte Realität sie wieder einholte, in Form pulsierender Schmerzen im Kopf, als sie sich auf den sandigen Boden setzte. Nate rutschte zu ihr herüber und strich ihr die nassen Haare aus der Stirn. “Geht’s dir wirklich gut?”
Sie seufzte. “Meine gesamte linke Seite, von der Schulter bis runter zur Hüfte, tut weh. Ich hab Kopfschmerzen, aber ich sehe nicht mehr doppelt.” Sie betrachtete ihn, und die blutigen Schrammen in seinem hübschen Gesicht. “Wie geht’s dir?”
Er grinste. “Rugbyspieler. Mich wirft nichts so schnell um.”
“Ich sollte wohl auch anfangen, Rugby zu spielen. Aber ich muss wohl akzeptieren, dass ich momentan außer Gefecht gesetzt bin. Was allerdings nicht heißt, dass ich deine Schramme da nicht verarzten kann.”
Er reichte ihr das MedCare Täschchen und sie zupfte eines der Desinfektionstücher aus seiner Verpackung. Sein Kinn umfassend, sagte sie: “Auch wenn dich nicht so schnell umwirft, ein blutiges Gesicht steht dir einfach nicht.”
Er lächelte, und ließ sich von ihr bereitwillig verarzten. Solange sie sich darauf konzentrierte, die Blutspuren von seiner gebräunten Haut zu wischen, und sie in seine blauen Augen schauen konnte, tat ihre Schulter weniger weh. Draußen krachte der Donner immer noch unaufhörlich, und auch der Regen wollte nicht nachlassen. An ein Weitergehen war nicht zu denken. Also war auch das Camp mit seinem Lazarett unerreichbar.
“Ich fürchte, wir werden hier ein Nachtlager aufbauen müssen.”
Nate nickte. “Das heißt, ich werde das tun. Du bleibst schön sitzen.”
Sie verzog das Gesicht. “Ich will mich gerade tatsächlich nicht bewegen.”
Er zog die seinen Rucksack zu sich und rollte die Isomatte und den Schlafsack aus. In der schmalen Höhle war gerade genug Platz dafür. Dann baute er den kleinen Kocher zusammen. Den dazugehörigen Topf stellte er unter den tropfenden Rankenvorhang.
“Was machst du?” fragte sie verwundert.
“Wasser sammeln. Sollte bei dem Wetter nicht lange dauern.”
“Ah.”
Er betrachtete die kleine Gaskartusche, dann ihre durchnässten Gestalten. “Das wird nicht reichen, um uns zu wärmen. Wir brauchen Holz und ein richtiges Feuer. Die Nacht wird so schon ungemütlich genug.”
Kaum hatte er das gesagt, war er auch schon nach draußen gekrabbelt. Bevor sie ihm hinterher rufen konnte, dass er den Verstand verloren hatte, kam er allerdings auch schon wieder zurück, einen dürren, ausgebleichten, toten Baum im Schlepptau.
“Hab ich vorhin in der Nähe liegen sehen. Mal sehen, ob’s brennt.” Er brach die Äste in Stücke und baute daraus ein kleines Lagerfeuer, das zu Adelies Überraschung auch tatsächlich brannte, und nicht nur Rauch produzierte. Der Stamm war zu dick zum Durchbrechen, doch selbst dafür war Nate gewappnet. Er zog die kleine Axt aus der Seitenschlaufe seines Rucksacks. Adelie biss sich auf die Lippen, und schwor sich, nie wieder einen dummen Spruch über seinen Hang zu überdimensionierter Ausstattung zu verlieren. Hätte er nicht die alberne Idee gehabt, die große Ausrüstung mitzunehmen, hätten sie eine wesentlich ungemütlichere Nacht vor sich. Sie ergab sich ihren schweren Gliedern und lehnte sich an die Wand.
“Zieh das mal aus. Du holst dir noch den Tod.” Er war neben sie gerutscht, und zupfte an ihrer durchweichten Jacke. “Kannst dich ja in den Schlafsack einwickeln.” Sie tat wie geheißen, und sah dann zu, wie er ihre Jacken auf einen langen Ast fädelte, und diesen in der Nähe des Feuers zwischen die Höhlenwände klemmte. Er war unruhig und fahrig, aber ihr von dem Sturz immer noch benebeltes Hirn konnte sich keinen Reim darauf machen, was ihn zu soviel Umtriebigkeit zwang. Adelie wickelte sich fester in den Schlafsack, in der Hoffnung, die Kälte aus ihren Knochen zu vertreiben, und schloss die Augen.

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