10/12/2017 um 10:10

Ep.08 – Wetterumschwung

Nate war froh, dass der dichte Baumbestand eine Menge des Regens abfing, aber es wurde von Minute zu Minute ungemütlicher. Es rollte nicht nur der Donner unerlässlich, es war auch beunruhigend düster geworden, und der Wind peitschte die Bäume wie ein wütender Sklavenhändler. Das Holz stöhnte und ächzte, und gelegentlich krachte auch ein Ast herunter. Wanderer waren im Wald nicht sehr viel sicherer als auf der offenen Ebene. Adelie schien sich von ihrem Schreck über die unvermutete Heftigkeit der Donnerschläge wieder erholt zu haben, aber ihre Augen wanderten ruhelos zwischen Bäumen, Pfad und Himmel hin und her.
Sie folgten einem kleinen Fluss, der sich zwischen den Bäumen hindurchschlängelte. Der Boden war durch den Regen nass und schwer geworden, und ziemlich rutschig. Und es schien nicht weniger, sondern eher mehr Wasser von oben zu werden. Es liefen schon kleine Rinnsale durch den Schlamm in Richtung des Flusses, dessen Wasser schlammig-braun war und schäumend über die größeren Steine in seinem Bett gurgelte.
“Wir müssen weg von dem Wasser,” rief Adelie, ihre Stimme im Tosen des Windes kaum hörbar. “Es steigt an. Wir müssen höher hinauf.”
Er nickte. “Lass uns diesem Rücken da folgen, der sollte uns aus der Gefahrenzone bringen.” Für einen Moment überlegte er, die Karte herauszuziehen, um sich zu vergewissern, in welche Richtung sie gerade liefen, aber der Wind würde sie ihm sicherlich sofort aus den Händen reißen. Stattdessen zog er den kleinen Navigationscomputer aus der Hosentasche, aber zu seiner Verwunderung erschien auf dem Display nur die Nachricht “Peilsender nicht verfügbar.”
“Was ist los?” fragte Adelie, an seiner Seite erscheinend. Sie duckte sich in seinen Windschatten und zog den Kopf ein. Nate konnte sich gerade noch daran hindern, den Arm beschützend um sie zu legen. Stattdessen zeigte er mit dem Kinn auf den Computer in seiner Hand.
“Das Navi behauptet, es findet den Peilsender des Basislagers nicht mehr.”
Sie half ihm, eine Felsengruppe zu erklimmen, die ihnen im Weg lag. “Vielleicht hat es den Sendemast umgeweht. Ein Satellitennetz im Orbit hat schon Vorteile.”
Zwischen den Felsklötzen waren sie den Elementen weniger stark ausgesetzt. Im blinden Verständnis hielten sie einen Moment inne um Atem zu holen. Sie waren beide außer Puste, der Höhenrücken hatte einen steilen Anstieg, und der glitschige Boden, der Wind und der Regen setzten noch eines drauf.
Den Gesprächsfaden wieder aufnehmend, sagte er: “Ja, aber Westerhaven ist einfach nicht groß genug, um eines zu installieren.”
Adelie lehnte sich an den größten Felsbrocken und wischte sich eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. Der Spur ihrer Finger folgte eine kleine Schlammspur über ihre Stirn, denn sie waren beide mittlerweile durchgeweicht und mit Schlamm verziert. Wie sie vor ihm stand, in ihrem klobigen Tarnanzug mit den zahllosen Taschen, einem dreckverschmierten Gesicht und verschlammten Kampfstiefeln war sie trotzdem anziehender als jede andere Frau, die er je getroffen hatte. Nur zu gern würde er jetzt mit ihr unter einer heißen Dusche stehen und den Schlamm abwaschen. Stattdessen begoss sie eine Windböe mit einem neuerlichen Schwall kalten Regens. Die unfreiwillige Bewässerung half ihm, sich daran zu erinnern, dass sie im Dienst waren, und jedwede Zärtlichkeit zu warten hatte, bis sie beide keinen Kampfanzug mehr trugen. Adelie war professionell bis ins Mark und würde keinen Augenblick von dieser Regel abweichen. Er hatte oft genug probiert, zumindest einen Abschiedskuss zu bekommen, bevor einer von ihnen in ein Stingray-Cockpit kletterte, aber sie war beinhart. Zähneknirschend hatte er es schließlich akzeptiert.
“Komm, Baroness, weiter geht’s.” Es war Zeit ein Dach über dem Kopf zu finden.
Sie stapfte schweigend neben ihm her, der Sturm war mittlerweile so heftig geworden, dass eine Unterhaltung nur noch schwer möglich war. Überall um sie herum knirschte und krachte es in den schwankenden Bäumen. Die Frequenz, in der Äste vor und hinter ihnen auf dem Boden aufschlugen, nahm alarmierend zu. Sie liefen im Zickzack, immer in der Hoffnung dass das was gerade herunterkam, sie nicht treffen würde. Ein besonders großer Ast fiel Adelie genau vor die Füße, und er konnte sie gerade noch wegziehen. Seine Lunge brannte vor Anstrengung und Adelies sonst blasses Gesicht hatte krebsrote Flecken bekommen. Und dann erklang ein Geräusch, dass ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es war ein unwirklicher Ton, ein langgezogenes, klagendes Geräusch, als würde jemand eine knarrende Holztür sehr langsam bewegen. Die Regentropfen schienen langsamer zu fallen, und für einen Moment schien selbst der Wind zu schweigen. Adelie drehte sich vor ihm in Zeitlupe herum, Augen und Mund weit aufgerissen, den Arm ausgestreckt auf etwas hinter ihm zeigend. Dann ging alles ganz schnell, und anstatt langsam lief die Zeit nun doppelt so schnell.
“Nate, pass auf!” Adelie riss ihn zur Seite und er sah nur noch sehr viel Grün auf sich zu stürzen. Doch als sie weiter rückwärts stolperten, hörte plötzlich der Boden hinter ihnen auf, und Nate wusste nicht mehr, wo oben und unten war. Erde, Steine, Himmel, Regen, Bäume – alles verschmolz zu einem einzigen großen Wirbel, und dann wurde es dunkel.

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