03/12/2017 um 06:00

Ep.07 – Im Frühtau zu Berge

Im Nachhinein fragte sich Adelie, ob das glühende Morgenrot nicht eine Warnung hätte sein sollen, als es den Himmel an diesem Freitagmorgen über der hügeligen Ebene in allen Schattierungen von Orange bis Rot tauchte. Doch in diesem Moment war sie mehr damit beschäftigt, dem Lastwagen hinterher zu schauen, der sie und Nate gerade ausgesetzt hatte, und nun weitere Kadetten-Paarungen zum nächsten Absatzpunkt transportierte. Seine olivfarbene Plane ließ ihn perfekt mit den struppigen Sträuchern und Gräsern verschmelzen und nur schwer ausfindig machen. Schließlich verschwand das Gefährt hinter der nächsten Kuppe, und sein Motorengeräusch verklang zu einem Brummen und erstarb schließlich ganz. Stattdessen füllte die lokale Fauna die klare, frische Luft mit allerlei Geräuschen. Die Herkunft des Zirpen, Zwitschern und Knarzen hätte ihr Olga sicher erklären können, aber ohne ihre Biologenfreundin konnte Adelie nur vermuten, wer für das Morgenkonzert verantwortlich war. Zu sehen war ohnehin kein Lebewesen.
Nate stand neben ihr und studierte den Navigationscomputer. Dann zog er eine zusammengefaltete Karte und einen Kompass aus der Seitentasche seines Rucksacks und breitete sie auf dem sandigen Boden aus. Adelie runzelte die Stirn.
“Was machst du?”
“Nachschauen, wo wir sind und die Route zu unseren Check-in Punkten planen.”
“Ist das nicht die Aufgabe deines kleinen Freundes da?” Sie zeigte auf den Navigationscomputer, der aus einem großzügigen Display und ein paar Knöpfen bestand.
“Ich setze nicht gerne alles auf ein Pferd. Es ist immer gut, nach zwei Methoden zu navigieren. Außerdem schadet die Übung nicht – einem kleinen elektronischen Pfeil nachlaufen kann schließlich jeder.”
“Hast du deswegen auch soviel Equipment dabei? Die Anordnung hieß kleines Marschgepäck.” Sie stupfte seinen aus allen Nähten platzenden Rucksack mit der Stiefelspitze an. “Du bist ausgerüstet als wären wir mindestens eine Woche unterwegs, und nicht nur einen Tag.”
“Das auch. Aber hauptsächlich habe ich ein paar Upgrades vorgenommen, und möchte die jetzt testen, bevor sie uns für die nächste Survival-Übung aus dem Flugzeug kicken.” Er streckte ihr die Zunge raus und faltete die Karte wieder zusammen. “Und nur weil Mission Control uns ein Minimum an Verpflegung vorschreibt, heißt das nicht, dass ich das nicht noch aufstocken kann.”
Sie schüttelte den Kopf. “Du musst das alles tragen, nicht ich.”
Er grinste und wuchtete den gewaltigen Rucksack auf den Rücken. “Genau. Und du wirst froh sein, wenn wir nachher etwas richtiges zu Essen haben, und nicht nur Trockenfutter.” Er wies mit dem Arm in Richtung des Waldes, der am Horizont erkennbar war. “Da müssen wir hin. Sieben Check-ins, dieses Mal.”
“Die werden wir finden.” Sie setzte ihren wesentlich kleineren Rucksack ebenfalls auf und stapfte ihm hinterher. Selbst seinen Schlafsack schleppte er mit sich herum. Sie konnte außerdem noch einen kleinen Kochtopf entdecken, und ein Beil, das in einer Seitenschlaufe steckte. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was er alles an Verpflegung mitführte, ihr war die Standardausrüstung schon schwer genug. Eine Weile marschierten sie schweigend hintereinander durch die hüfthohe Vegetation. Die Sträucher waren klein und gedrungen, und an ihren Ästchen saßen dicht an dicht kleine, hellgrüne, ovale Blätter und winzige, sternförmige weiße Blüten. Ab und zu sahen sie etwas kleines, braunes davonhuschen. Adelie grinste in sich hinein, als sie sich an den Satz ihres Dozenten für Population und Habitatformierung erinnerte: “Wo Menschen sind, sind auch Ratten.”
Nachdem sie zwei Stunden stramm marschiert waren, und der Wald am Horizont von einem Schatten zu einer Wand herangewachsen war, machten sie Rast. Die Sonne brannte heißer als erwartet vom Frühlingshimmel, und die Jacken ihrer Kampfanzüge waren fast zu warm. Adelie breitete ihre auf dem Boden aus und setze sich drauf, während sie Nate dabei zusah, wie er ein zweites Frühstück aus den Tiefen seines Rucksacks zauberte. Ein paar Scheiben Brot, Salami und Käse, dazu Apfelschnitze. Es waren keine kulinarischen Offenbarungen, aber nach einer zweistündigen Wanderung genau das Richtige. Sie knuffte ihn, als er sich neben ihr auf die Jacke setze.
“Ich glaube, dieses ganze Unterfangen ist für dich nur eine gute Gelegenheit, Zeit mit mir alleine zu verbringen.”
“Manche nennen es Marschübung, ich nenne es Quality Time.” Er gab ihr eine Kostprobe seines unwiderstehlich jungenhaften Grinsens. Es hatte auch sechs Monate nach ihrem ersten Kuss immer noch die Kraft, Schmetterlinge in ihrem Magen loszulassen.
“Wenn Major Payne das wüßte!”
Nate lachte. “Meinst du, er hat was dagegen, dass wir das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden?”
“Würde er uns sonst bei jeder Gelegenheit zusammenspannen?” Sie fragte sich oft, was die wahren Absichten des Majors dahinter waren, denn im Allgemeinen war staffelübergreifendes Teamwork nicht üblich. Aber sie würde sich sicher nicht beschweren. Nate hatte Recht, lange Abschnitte ungestörten Miteinanders waren selten genug, so dass die Marschübung wirklich eine willkommene Gelegenheit war, Zeit mit ihm alleine zu verbringen. Wie er so neben ihr saß, die Beine angewinkelt, die Arme hinter sich aufgestützt, und sie anlächelte. Es wäre einfach, sich zu ihm herüber zu beugen, und ihm das Grinsen von den Lippen zu küssen. Aber das ging gegen ihren selbst auferlegten Codex der Professionalität. Keine Zärtlichkeiten im Dienst. Nichts von ihren Gedanken ahnend, holte er die Karte wieder hervor, studierte sie eingehend und verglich dann seine Ergebnisse mit dem Navigationscomputer.
“Wir sollten in etwa einer halben Stunde den nächsten Check-in erreichen,” sagte er schließlich.
“Die sind dieses Mal ganz schön weit auseinander.”
“Zu einfach darf es auch nicht werden.”
Sie stand auf und streckte sich. Dabei fiel ihr Blick in die Richtung aus der sie gekommen waren, und auf eine bedrohlich aussehende Wolkenwand, die sich am Horizont auftürmte. “Da kommt ein Wetter auf uns zu. Dabei hatten sie doch bestes Wanderwetter vorhergesagt?” Sie beschattete ihre Augen mit der Hand und betrachtete das, was sich da zusammenbraute. “Wir sollten das beobachten, das sieht aus, als könnte es höchst ungemütlich werden.”
Nate hatte zügig die Reste ihrer Frühstückspause zusammengepackt. “Dann lass uns losziehen, damit wir den Wald erreichen, bevor das Unwetter über uns hereinbricht.”
Sie erreichten nicht nur den Wald, sondern auch drei weitere der Check-in Punkte, bevor am späten Nachmittag das Unwetter sie eingeholt hatte. Adelie scannte ihren Registrierungstag an dem kleinen grauen Kasten, der piepsend bestätigte. Nate vermerkte die Position auf seiner Karte. Sie standen auf einer Lichtung, über der rasend schnell graue Wolken dahineilten. Der Wind hatte merklich aufgefrischt und zerwühlte tosend die Äste der umstehenden Nadelbäume. Der erste Donner krachte so unvermittelt, dass sie vor Schreck quiekte. Nate zog sie ohne Nachzudenken an sich, doch sie wand sich aus seinem Arm. “Ich bin kein Angsthase.”
Er lächelte. “Nein, das bist du wirklich nicht. Aber gerade hast du doch sehr wie ein Kälbchen geschaut, wenn’s blitzt.”
Der nächste Donner rollte und ließ den Erdboden erzittern. Sie schluckte, doch verzog tapfer keine Miene. “Ich habe wirklich keine Angst vor Gewittern, aber ein Unwetter innerhalb eines Gebäudes ist kein Vergleich zu der Aussicht auf Blitz und Donner ohne ein festes Dach über dem Kopf.”
Er nickte und verstaute die Karte in der Seitentasche am Rucksack. “Da bin ich ganz deiner Meinung. Wir sollten sehen, dass wir schleunigst irgendwo einen Unterschlupf finden, bevor hier die Kirmes losgeht.” Wie um seine Worte zu unterstreichen, zuckte ein feinverästelter Blitz über den schiefergrauen Himmel. Fast gleichzeitig dröhnte der Donner, und dicke Regentropfen begannen kleine Krater in den Boden zu schlagen.

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