19/11/2017 um 06:00

Ep.06 – Tag der Wahrheit

Als der große Tag schließlich da war, hatte Ophelia vor lauter Nervosität nicht geschlafen. Sie war vor allen anderen im Hangar und scheuchte das Boden-Team, das Adelies Flugzeug fertig machte, solange herum, bis Adelie ihr freundlich, aber bestimmt Einhalt gebot.
“Lia, du gehst dir jetzt einen Kaffee holen. Und einmal tief durchatmen.”
“Aber…!” Der Versuch eines Protests.
“Kein Aber.” Adelie schob sie in Richtung der Kaffeeküche. “Wir passen auf, dass keiner das Flugzeug anfasst während du nicht da bist.”
Als sie zurückkehrte, war das Flugzeug fertig betankt und sie montierten gerade die Übungs-Raketen. Dann, endlich, rollten die Flugzeuge eines nach dem anderen zur Startbahn. Ophelia begab sich zusammen mit den anderen Technikern in einen der großen Hörsääle, der als Mission Control Zentrum eingerichtet war. Auf einer großen Leinwand konnte man über einem Satellitenfoto der Region viele kleine sich bewegende Flugzeugsymbole sehen. Am Tag zuvor war bekanntgegeben worden, wer “Feind” und wer “Freund” war, es war über beide Staffeln hinweg ausgelost worden. In der entsprechenden Farbe – grün für “Freund”, “rot für “Feind” – tauchten die Symbole auf. Ein großes graues Rechteck kennzeichnete die Penalty Box – hier musste jemand für 10 Minuten Runden fliegen, wenn er “abgeschossen” wurde. Es dauerte eine Weile, bis sie Adelie in dem Wirrwarr ausgemacht hatte, aber dann ließ sie sie nicht mehr aus den Augen. Adelie und Nate waren im grünen Team, und Patrick im roten, wie Ophelia feststellte. Und wie Chris prophezeit hatte, konnte Patrick nicht viel gegenüber den vereinten Kräften von Team Klaiber/Havisham ausrichten. Miles stöhnte jedes Mal, wenn sein Bruder in der Penalty Box auftauchte, und das kam oft vor. Adelie und Nate hingegen konnten es zwar auch nicht verhindern, jeweils einmal zu “sterben”, aber ihre Runden in der Box waren offensichtlich keine wiederkehrenden Ereignisse. Ophelia verstand noch nicht viel von der Theorie des Luftkrieges, und so war ihr vieles was sie beobachtete nicht verständlich. Sie war damit zufrieden, dass Adelie erfolgreich in dem war was sie tun sollte, und nicht öfter starb als notwendig.
Gegen Mittag war der erste, praktische Teil der Übung beendet. Einer nach dem anderen kehrten die Kadetten zur Base zurück, und erst jetzt registrierte Ophelia das ohrenbetäubende Röhren der Stingrays und den Glanz der Sonne auf den silbernen Tragflächen, als sie über das Vorfeld zu ihren Parkflächen rollten. Zuvor war sie viel zu nervös gewesen, um überhaupt etwas wahrzunehmen. Adelies Gesichtsausdruck war euphorisch, als sie aus dem Cockpit kletterte und den Helm abzog.
“Lia! Das war ein spitzenmäßig präpariertes Flugzeug! Du wirst dir viele Punkte in der Technikwertung holen.” Sie hob die Hand zum High Five, und Ophelia schlug glücklich ein.
“Ich bin so froh, das zu hören!”
“Ich erzähle dir alles später, ich muss in die Nachbesprechung!” Und damit war Adelie verschwunden. Ihre Bodencrew machte sich unverzüglich daran, die Stingray zu warten, und Ophelia warf diesmal ein wachsames Auge auf sie, ohne ihre Abläufe zu stören. Die Mechs waren ein eingespieltes Team und es fielen kaum Worte zwischen ihnen. Schließlich waren die Jungs fertig und Ophelia griff sich den Ordner mit den Unterlagen für die Abnahme. Sie war so vertieft in ihre Arbeit, dass sie nicht wahrnahm, dass nach und nach alle den Hangar verließen und sie schließlich alleine war. Bis hinter ihr eine ölige Stimme ertönte.
“Der Kakadu. Ein einsames Vögelchen.”
Instinktiv griff sich Ophelia einen großen Schraubenschlüssel, der noch oben auf der Werkzeugkiste lag, bevor sie sich herumdrehte.
Miles und Patrick standen mit verschränkten Armen breitbeinig vor ihr, Augen zusammengekniffen und die Münder nur schmale Linien.
“Klaibers ‘Ray flog heute tadellos. Der Vogel hat gut gearbeitet.”
“Glaubt ihr, ich würde ihr eine Maschine übergeben, die nicht so fliegt wie sie soll?” Ophelia hob ihr Kinn und sah die beiden Bukovski Brüder herausfordernd an.
“Weil du dich eingemischt hast, hat Miles nun wertvolle Punkte verloren.”
“Was heißt hier einmischen? Er hat es mir angeboten. Er hatte die Chance, Adelies Flugzeug zu warten, und hat sie nicht ergriffen. Das ist nicht meine Schuld.”
Die beiden traten näher. Patricks Augen wurden noch schmaler. “Wir sind hier ganz allein, und niemand wird dich vermissen…”
“Du machst immer Aussagen, ohne vorher deren Richtigkeit zu prüfen, Patrick. Wann lernst du das endlich?” Adelie trat hinter einer Säule hervor. Und sie hatte Verstärkung in Form von Nate, Gerald und einem weiteren, dunkelhäutigen Kadetten mitgebracht, den Ophelia nicht kannte, aber schon öfter mit Nate gesehen hatte. Alle vier trugen die Miene dunkler Gewitterwolken. “Sie ist nicht allein, und sie würde sehr wohl vermisst werden.”
“Halt dich raus, Klaiber.”
“Den Teufel werd ich tun. Ich habe keine Lust mehr auf deine Spielchen, Patrick.”
Der Ältere der Bukovkis wandte sich von Ophelia ab und der Baroness zu. “Misch dich nicht ein. Du wirst es bereuen.”
Adelie lachte trocken. “Ich hab keine Angst vor dir, Parachute.”
“Solltest du aber.” Er schob trotzig sein Kinn vor.
Adelie verschränkte ihre Arme vor ihrer Brust und sah ihn abschätzig an. “Ach? Muss ich mir Sorgen machen, dass du deinen Vater anrufst?” Sie trat vorwärts, und Patrick wich zurück, bis er mit dem Rücken an die Stingray stieß. “Wie ich sagte, du handelst immer voreilig, ohne vorher die Lage zu prüfen. An deiner Stelle wäre ich mir nicht so sicher, ob du nicht eher Angst vor mir haben solltest.”
Für einen Moment huschte Zweifel über sein Gesicht. Dann fing er sich wieder. “Pah, ich habe keine Angst vor Frauen.”
Adelie schüttelte ihren Kopf, und sah ihn mit dem Bedauern an, als hätte er gerade einen großen Fehler begangen. “Du wärst ein soviel besserer Soldat, wenn du endlich von deinem hohem Ross heruntersteigen und lernen würdest, Menschen anhand von Fakten und nicht von Vorurteilen zu beurteilen. Und wäre dein Vater nicht maßlos enttäuscht von dir, wenn herauskommen würde, dass du wissentlich das Leben einer Pilotin riskiert hast? Flugzeuge manipulierst? Bodenpersonal bedrohst?”
“Du miese, kleine Drecks…” Er wollte auf Adelie losgehen, doch schneller als Ophelia gucken konnte, hatte Adelie ihn am Kragen gepackt und an die Außenhülle der Stingray gedrückt. Ihr Gesicht war bedrohlich nah an seinem, und ihre Stimme ruhig und kalt.
“Reiz mich nicht, Patrick.” Sie schubste ihn in Richtung seines Bruders. “Und nun macht beide, dass ihr hier rauskommt.”
Miles schien intelligenter als sein Bruder zu sein, denn er packte den tobenden Patrick und zog ihn eiligst aus dem Hangar. “Lass gut sein, Pat. Das ist es mir nicht wert.”
Kaum waren sie um die Ecke verschwunden, entwich nicht nur Adelie ein Seufzer der Erleichterung.
“Holy shit, Adelie – dir möchte ich auch nicht auf der falschen Seite gegenüber stehen.” Der unbekannte Kadett klopfte ihr anerkennend auf die Schulter. “Und hoch gepokert hast du auch – ich hätte nicht erwartet, dass du ihn so einfach mit leeren Drohungen einschüchtern kannst.”
“Das waren keine leeren Drohungen.” Adelie grinste ihn an, wieder ganz ihr freundliches, zugängliches Selbst. “Er weiß wirklich nicht, mit wem er es zu tun kriegt, wenn er sich mit mir anlegt. Zum Einen habe ich in meiner Zeit auf der Planet 500 einflussreiche Freunde gewonnen, die weniger Skrupel haben als ich, zum Anderen bin ich immer noch auch eine Baroness aus Eden. Ich weiß nicht, ob er gewitzt genug ist, sich mit unserem Geheimdienst ein Katz und Maus Spiel zu liefern.”
Jakes braune Augen wurden rund wie Murmeln. Er schüttelte den Kopf, aber Ophelia musste ihm insgeheim Recht geben als er sagte: “Damn, du bist wirklich nur halb so unschuldig, wie du aussiehst.”
Nate verschluckte sich fast vor Lachen.

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