12/11/2017 um 06:00

Ep.05 – Schattenspiele

Der nächste Nachmittag hielt eine Überraschung für Ophelia bereit. Sie hatte sich gerade häuslich an ihrer Werkbank eingerichtet und studierte ihre Aufgabenliste, als Major Werner die Werkhalle betrat.
“Rekruten, auf Grund von Wünschen seitens der Albatrosse wird es einige Umverteilungen in den Zuordnungen geben. Bukovski, Sie werden von nun an das Flugzeug Ihres Bruders warten, Schmittelhuber, Sie kümmern sich um das von Gerald O’Donell und LeBlanc, Sie um das von Adelie Klaiber. Eine Änderung, die Sie alle betrifft. Sie erhalten alle Bonuspunkte, je nachdem wie gut das von Ihnen betreute Flugzeug nächste Woche in der Geschwaderübung abschneidet.”
“Warum wurde das veranlasst?” Miles schaute Werner an wie ein trotziges Kind, dem man den Sandkasten verboten hatte.
“Ich schulde Ihnen zwar keine Antwort, Bukovski, aber die Omega Staffel erwartet, dass die besten Piloten auch von den besten Technikern betreut werden. Offensichtlich wurden Erwartungen nicht erfüllt, und auf diesen Vorwurf reagieren wir natürlich. Unsere besten sind LeBlanc und Schmittelhuber, also kümmern die sich jetzt um Klaiber und O’Donell.”
Ophelia vermutete, dass Adelie ihre Finger im Spiel hatte, aber sie sagte nichts. Das übernahm Chris Schmittelhuber, kaum dass Werner die Halle wieder verlassen hatte. “Tja Miles, war wohl keine so gute Idee, sich nicht um Klaibers “Papierflieger” zu kümmern. War zu erwarten, dass sie sich das nicht gefallen lässt. Und dein Bruder wird dir bei Weitem nicht soviele Punkte einfliegen, wie sie das getan hätte.”
“Das werden wir ja sehen,” sagte Miles. Er drehte sich um, und war urplötzlich sehr in seine Arbeit vertieft. Bei Ophelia klingelte allerdings ein kleines Alarmglöckchen. Sie musste dringend mit Adelie sprechen. Die Albatrosse hatten an diesem Tag flugfrei und eine Geländeübung. So musste sie sich keine Sorgen machen, dass ihr etwas passierte. Schließlich trafen sie sich mit Nate im Lemon Tree.
“Nate, Adelie – wir müssen sicherstellen, dass deine Stingray nicht weiter manipuliert wurde. Miles machte heute so eine merkwürdige Andeutung.” Ophelia fuhr sich besorgt durch die Haare. Adelie lächelte beruhigend und nahm ihre Hände in ihre.
“Lia, Lia, beruhige dich. Was ist denn los?”
“Ich soll offiziell dein Flugzeug warten und Miles das von Patrick, und Miles hat merkwürdig reagiert, als Chris sagte, dass sein Bruder ihm nächste Woche bei der Übung nicht soviele Punkte bringen wird wie du das getan hättest,” sprudelte sie hervor.
“Hm.” Nate rieb sich das Kinn, das mit schwarzen Bartstoppeln verziert war. “Patrick ist ein eifersüchtiger Idiot. Ich habe ihm deswegen schonmal die Nase gebrochen. Es ist nicht auszuschließen, dass er uns sabotieren will, oder zumindest Rache üben. Was Miles gegen uns hat, ist mir nicht ganz klar.”
“Du hast ihm die Nase gebrochen?” Ophelia starrte Nate entgeistert an, der nicht den Eindruck machte, als würde er brutale Dinge tun. Adelie stöhnte und hielt sich die Augen zu.
“Nicht eure größte Sternstunde.”
Nate grinste Ophelia schief an. “Er hatte es gewagt Adelie als Hure zu bezeichen.”
“Na, da hätte ich ihm aber auch eine gezimmert,” schnaufte Ophelia entrüstet.
“Bitte, die beiden haben sich geprügelt wie räudige Straßenköter. Kein Verhalten worauf ein angehender Offizier stolz sein sollte.” Adelie war von Nates Heldentat nicht angetan. Er lachte und legte seinen Arm um ihre Schulter. Sie zu sich ziehend küsste er liebevoll ihre Schläfe.
“Du hast an diesem Abend aber sehr fürsorglich erste Hilfe geleistet, wenn ich dich daran erinnern darf.”
Seine Freundin verdrehte nur die Augen und schüttelte den Kopf. “Können wir uns mit den wichtigen Dingen beschäftigen? Wie zum Beispiel den Verdacht, dass uns jemand sabotiert.”
Er grinste und ließ sie los. “Okay, okay. Dein Vogel ist wieder tiptop in Ordnung, Lily?”
Adelie nickte. “Ophelia hat hervorragende Arbeit geleistet.”
“Weiß das Patrick?”
“Nein.” Sie schüttelte den Kopf. “Ich habe nichts gesagt, und hatte auch nicht vor, ihm gegenüber etwas zu erwähnen.”
Nate nickte. “Gut. Dann solltet ihr ein bisschen Theater spielen, und so tun, als gäbe es immer noch ein Problem.”
Adelie nickte. “Keine dumme Idee. Hinkendes Lämmchen spielen, und wenn der Wolf beißen will, ihn zu Staub zerpusten. Wenn er denn der Wolf ist – wir haben keinen einen Beweis, außer das Miles mein Flugzeug gewartet hat und er zufällig Patricks Bruder ist.”
Ophelia rieb sich die Augenbrauen. “Gibt es denn wirklich keine Aufzeichnungen darüber, wer das Downgrade eingespielt hat? Kann jeder immer an die Flugzeuge?”
“Sie sind nicht abgeschlossen, wenn du das meinst. Aber der Hangar ist von 22 Uhr bis 6 Uhr verriegelt und bewacht. Wenn derjenige sich nicht gerade hat einschließen lassen, hat er keine Chance, da reinzukommen. Ich bezweifle, dass das Wachpersonal einen Kadetten nachts um Zwei in den Hangar lässt. Kann man Software auch von Remote installieren?” Nate sah Ophelia fragend an.
“Nur wenn das Flugzeug an einer Datenleitung hängt… aber das ist tatsächlich möglich. Wir hängen sie oft abends an, um dann über Nacht das Kartenmaterial zu aktualisieren, denn das dauert Stunden.”
“Miles hätte also das Flugzeug an die Leitung hängen können bevor er Feierabend gemacht hat, und dann morgens um Zwei von irgendwoher das alte Betriebssystem installieren können?” Adelie legte ihren Kopf auf die Tischplatte. “Das lässt sich nicht mehr nachverfolgen, geschweige denn legal beweisen.”
“Aber wir können verhindern, dass es nochmal passiert.” Ophelia schnippste mit den Fingern. “Die Flugzeuge haben vielleicht kein Schloß, aber der Bordcomputer hat einen Sicherheitsmechanismus. Der ist nur in der Regel deaktiviert, weil die Techniker so oft wechseln.”
Das war das Erste, was sie am nächsten Tag erledigten. Zukünftig war Adelies Bordcomputer vor unbefugten Zugriffen durch einen zwölfstelligen Nummerncode geschützt, den nur Adelie und Ophelia kannten. Das Zweite war wesentlich komplizierter, und verlangte von Adelie einiges an Flug- und Schauspielkunst. Doch es gelang ihr überzeugend ein langsam reagierendes Flugzeug zu simulieren und sogar Schwierigkeiten bei der Landung vorzutäuschen. Selbst Major Payne fiel darauf herein.
“Klaiber, was ist mit Ihrem Flugzeug los? Sie hätten vorhin fast eine Bruchlandung gemacht.” Er stiefelte aufgebracht zu ihnen herüber.
“Herr Major, ich habe seit einer Woche Schwierigkeiten mit der Steuerung, aber meine Technikerin ist dran. Bis zur Übung werden wir das mit Sicherheit behoben haben.”
Das besänftigte den Major ausreichend genug, dass er nicht weiter nachfragte.
“Besser hätte es gar nicht laufen können, das hat Patrick bestimmt mitbekommen,” flüsterte Ophelia Adelie zu, als sie das Flugzeug wieder herrichteten und überprüften.
Am Abend im Officer’s Club bekam Adelie dann Patricks Selbstzufriedenheit direkt zu spüren. Ophelia saß mit ihr und Nate, sowie Adelie’s Staffelkameraden Gerald zusammen, als Patricks ölige Stimme hinter ihnen ertönte.
“Na, Princess. Zickt der Papierflieger? Das ist sehr bedauerlich zu hören.”
Die Ähnlichkeit zu Miles war unverkennbar. Die gleichen strähnigen, blonden Haare, die gleichen wasserblauen Augen. Sein Grinsen kalt und abweisend.
“Hallo Parachute. Ich bin davon überzeugt, dass meine Technikerin sie rechtzeitig hinbekommt, im Gegensatz zu deinem Bruder ist ihre Motivation erheblich größer.”
Patrick knurrte ungehalten. “Lass meinen Bruder aus dem Spiel.”
Adelie feixte. “Behagt ihm sein neuer Vogel etwa nicht?”
“Wenn ich herausfinde, dass du hinter der Versetzung steckst…” Er beugte sich herab und kam bedrohlich näher. Ophelia bemerkte, dass Adelies Hand beruhigend auf Nates Oberschenkel lag. Seine umspannte sein Limonadenglas so fest, dass die Fingerknöchel weiß wurden. Nein, diese drei konnten sich nicht leiden.
“Was machst du dann?” Adelie war unbeeindruckt von Patricks Drohgebärden. “Hast du etwa Sorge, dass du ihm nicht genügend Punkte in der Technikwertung einfliegen kannst und er wegen deiner Unfähigkeit eine schlechtere Bewertung bekommt?”

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