05/11/2017 um 06:00

Ep.04 – Coup Danmark

Der Lemon Tree entpuppte sich als ein gemütlicher Diner in der Nähe der Airbase. Auf einem Schachbrettmuster aus schwarzen und weißen Fließen saßen silberne Alutische. Die Stühle und Bänke waren mit rotem Lederimitat bezogen und hinter der ebenfalls roten Theke glänzten Gläser und Flaschen in Glasregalen. Es roch nach Kaffee und Schokosirup. Gedämpftes Gemurmel der Gäste füllte den Raum. Durch die große Fensterfront tauchte die Sonne alles in ein heimeliges orangenes Licht. Ophelia entdeckte Adelie am letzten Tisch. Die Pilotin winkte ihr zu. Neben ihr saß eine junge Frau in weißer Schwesterntracht. Ihre platinblonden Victory Rolls sahen zerzaust aus. Vor den beiden standen hohe, schwere Glasbecher, die vor nicht allzu langer Zeit einen üppigen Inhalt aus Eiscreme und Sahne beherbergt hatten.
“Lia, das ist Leslie, meine Nachbarin und Freundin. Sie arbeitet im Westerhaven Airbase Krankenhaus auf der Intensivstation. Leslie, das ist Ophelia, sie studiert Luft- und Raumfahrttechnik an der Academy und ist meine Flugtechnikerin.”
“Hallo Ophelia. Willkommen in Westerhaven.” Sie bemerkte den Blick auf die leeren Eisbecher und grinste schief. “Schlimmer Tag. Manchmal braucht es eine süße Sünde um zu vergessen, dass man nicht alle retten kann.”
Ophelia setze sich und nickte. “Meine Mutter war auch Krankenschwester. Ihre Lösung für solche Tage war Rotwein.”
Adelie warf ihr einen prüfenden Blick zu. Hatte ihre Stimme gewackelt? Es war schwer, aus dem stets gefassten Gesicht der Pilotin herauszulesen, was wirklich in ihrem Kopf vorging. Dann lächelte sie plötzlich und sagte: “Wie war dein Tag Lia? Brauchst du auch einen Coup Danmark, um Miles zu vergessen?”
Sie schüttelte den Kopf. “Ich hab’s nicht so mit süß. Aber Hunger, den hab ich.”
“Welch Überraschung, ein neues Gesicht?” Eine heisere Stimme mit hartem Akzent ertönte hinter Ophelia. Hinter ihr stand eine junge Frau, die wie sie alle Anfang Zwanzig sein musste. Ihr kupferroter Bob fiel ihr halb ins Gesicht und Ophelia musste spontan an einen schüchternen Fuchs denken.
“Hallo Olga, schön dass du da bist.” Adelie stellte sie einander vor. Olga war Feldbiologin an der Academy und spezialisiert auf die Entdeckung weiterer möglicher Nutztiere auf unbewohnten Planeten. Die Wissenschaftsdivision der USF hatte offensichtlich weniger drakonische Anforderungen, was die Körpergröße ihrer Mitglieder betraf, denn Olga reichte Ophelia gerade mal bis zum Kinn. Auch Leslie war nicht von Adelies oder ihrer Statur, dafür aber mit mütterlichen Rundungen gesegnet, die sicher einen beruhigenden Effekt auf ihre Patienten hatte. Ophelias Betrachtungen wurden von einer ihr wohlbekannten, tiefen Stimme unterbrochen.
“Die Damen, was kann ich euch bringen?” Nate stand bereit, in Jeans, Flannellhemd und einer weißen Schürze, um ihre Bestellungen aufzunehmen. Sie hätte ihn fast nicht erkannt, so ohne Uniform oder Fliegeranzug. Er zwinkerte Adelie zu, und sie lächelte ihn verschmitzt an. Adelie war ebenfalls in zivil. Ihr dunkelblaues Kleid mit blinkenden Goldknöpfen und einer beachtlichen Menge an raschelnden Petticoats ließ sie wie die Baroness aussehen, die sie tatsächlich war – und Nate hatte Schwierigkeiten, den Blick abzuwenden, wie Ophelia amüsiert feststellte. Es gelang ihm jedoch trotzdem, all ihre Bestellungen richtig aufzunehmen, und bald saßen sie alle vier fröhlich über leckeren Burgern und kalten Getränken. Es war eine nettere Runde, als Ophelia bei Adelies Einladung vermutet hatte, und sie hatte schnell das Gefühl, alle schon seit Ewigkeiten zu kennen.
“Wieso nennt ihr euch Rocket Sisters?” fragte sie schließlich.
Olga kicherte. “Adelie meinte, wir bräuchten einen tollen Gangnamen.”
“Ihr seid eine Gang?” Ophelia riss die Augen auf.
Gepruste von allen dreien. “Nein. Aber wir hatten an einem albernen Nachmittag überlegt, wie wir uns nennen würden, wenn wir eine wären. Und Rocket Sisters ist das, was hängen geblieben ist. Und mit der Zeit wurde daraus ein wöchentliches Treffen. Ich glaube, wenn wir etwas sind, dann ein kleiner Club,” erklärte Adelie. “Ein kleiner Club, ein kleines Refugium, in dem wir uns ein bisschen davon erholen können, den ganzen Tag unter Männern zu sein.”
“Oh, das kann ich gut verstehen.” Ophelia dachte an Miles, und wie anstrengend es war, ihn ständig abwehren zu müssen. Ihn, seine Arroganz und seine dummen Sprüche.
“Hey, Kopf hoch. Du hast hier bei uns jetzt ein Zuhause.” Olga legte ihre Hand auf Ophelias Arm. “Willkommen bei den Rocket Sisters, Lia.”
Bevor Ophelia groß darüber nachdenken konnte, warum es sie nervös machte, dass Olgas Hand auf ihrem Arm lag, fauchte Leslie entrüstet:
“Das ist doch die Höhe der Unverschämtheit. Adelie, wie kannst du ihm das durchgehen lassen?”
“Wie bitte, wem lasse ich was durchgehen?” Adelie sah ihre Freundin verdutzt an.
“Da.” Leslie knuffte sie. “Nate flirtet mit anderen Frauen. Vor deiner Nase.”
Nate stand vor einem Tisch besetzt mit einer Runde kichernder Frauen, und scherzte mit ihnen. Es war mehr als offensichtlich, dass die Damen Gefallen an ihm gefunden hatten, und dass sie ihm schöne Augen machten.
Adelie verdrehte theatralisch die Augen. “Tut er nicht.”
“Wohl.” Ophelia hatte den Eindruck, dass Leslie Nate nicht vertraute, so sehr wie sie auf ihrer Position beharrte.
“Nein, wenn er wirklich flirtet, sieht das anders aus. Gerade zieht er ihnen einfach nur das Trinkgeld aus der Tasche. Einer halbwegs attraktiven Kellnerin würdest du das auch nicht vorwerfen, oder? Außerdem lädt er mich davon ins Kino ein.” Sie grinste. “Was sollte ich also dagegen haben?”
“Moment.” Olga beugte sich vor. “Er lädt dich ins Kino ein? Ist das nicht unfair? Du hast tonnenweise Geld, warum lädst du ihn nicht ein?”
Adelie zuckte mit den Schultern und hob abwehrend die Hände. “Männer und ihr Ego. Er will das so. Ich würde ihn einladen, aber er sagt, das ist sein Job, nicht meiner.”
“Das lässt sein zweifelhaftes Verhalten in besserem Licht erscheinen,” grummelte Leslie. “Mir ist trotzdem schleierhaft wie du ihm vertrauen kannst, bei seiner Vergangenheit.”
Adelie hustete in ihre Himbeerlimonade und setzte hastig das Glas ab. “Wieso gehst du eigentlich davon aus, dass ich eine unbeflecktere Vergangenheit habe als er?”
“Ich habe dich nie mit einem deiner wohlgebauten Pilotenkollegen gesehen.” Eine Andeutung von Unsicherheit schwang plötzlich in Leslies Stimme.
“Eine Baroness lässt sich nicht erwischen. Außer sie möchte die Titelseiten der Tratschpresse zieren.” Damit schien das Thema für Adelie beendet zu sein, aber nicht für Leslie.
Olga wandte sich kopfschüttelnd Ophelia zu und flüsterte: “Leslie hatte bisher kein Glück mit Männern, und sie hat sich in den Kopf gesetzt, Adelie vor dem gleichen Schicksal zu bewahren. Es ist ein bisschen lächerlich.”
“Wieso?”
Olga strich sich ihre Haare aus dem Gesicht, und ein Paar katzenhafte grüne Augen kamen zum Vorschein. “Wenn ich mir Adelie anschaue, sehe ich kein naives Lämmchen. Sie ist mutig, risikofreudig und nimmt das Heft gerne selber in die Hand. Und sie ist bereit, die Konsequenzen zu ertragen. Und nur weil Nate vor ihr sehr erfolgreich bei anderen Frauen war, heißt das nicht, dass er sie bei der erstbesten Gelegenheit betrügt. Ganz im Gegenteil, er ist ein sehr aufmerksamer und liebevoller Partner, wie ich finde.”
Ophelia beobachtete den Rest des Abends interessiert die Interaktionen zwischen Adelie und Nate. Solange er die Schürze umgebunden hatte, waren sie genauso unverbindlich freundlich zueinander, wie zuvor im Hangar. Doch als er endlich Feierabend hatte und sie alle draußen vor dem Diner standen, änderte sich das Bild. Sie standen näher beieinander und Adelie strich ihm liebevoll die Haare aus der Stirn. Als er seinen Arm um ihre Taille legte, lehnte sie sich an ihn und er drückte ihr einen zärtlichen Kuss auf den Scheitel. Beide sahen entspannter und glücklicher aus. Ophelia verstand nicht so ganz, warum die beiden den ganzen Tag abstinent von einander verbrachten, aber dafür gab es bestimmt Gründe. Sie verabschiedeten sich bald und gingen Arm in Arm zu Nates altem, hellblauen Pick-up Truck.

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