29/10/2017 um 06:00

Ep.03 – Runway Rivalen

Übernächtigt traf sie sich am nächsten Tag mit Adelie wieder an der Maschine. Der Kadett, der mit ihr die Fahne beim Appell gehisst hatte, war auch da.
“Na Lily, machst du die Bukovski-Brüder wild? Patrick schäumte gestern Abend im Officer’s Club vor Wut. Was hast du mit Babyface Miles angestellt?”
Seine Stimme war ein tiefer, rauher Bass, als er würde jeden Morgen mit Whiskey gurgeln und drei Packungen Zigaretten am Tag rauchen. Seine durchtrainierte Statur strafte diese Idee allerdings Lügen. Der graue Fluganzug saß knapper als bei den meisten Kadetten die Ophelia bisher gesehen hatte. Schwarze Haare fielen ihm in die Stirn und ließen ihn leicht verwegen aussehen, und ein dunkler Bartschatten verstärkte den Eindruck nur. Er hatte ein Sunnyboy Lächeln und ein schelmische Zwinkern in seinen strahlend blauen Augen, das es schwer machte, ihn nicht sofort zu mögen. Adelie zuckte mit den Schultern und grinste ihn an. “Ich habe ihm nur seine Flausen ausgetrieben.”
Ihr Gegenüber lachte leise. “In deiner unnachahmlichen Art, hm? Hat er sich in die Hosen gepinkelt?”
“Fast.” Ophelia musste das einwerfen, zu gut war Miles panischer Gesichtsausdruck gewesen. Er wandte sich ihr zu.
“Du musst Adelies neue Flugtechnikerin sein. Ophelia, richtig? Sie war schwer begeistert von dir gestern. Ich bin Nate Havisham. Freut mich, dich kennenzulernen.” Er schüttelte ihr die Hand. “Ich würde euch ja gerne bei der Fehlersuche helfen, aber die Pflicht ruft.”
“Warte.” Adelie griff nach seinem Arm, bevor er sich umdrehen und gehen konnte. “Du bist heute abend im Lemon Tree, oder? Sehen wir uns?”
“Ja, ich bin im Lemon Tree, bis um Zehn.”
Adelie strahlte ihn an. “Das trifft sich gut. Ich bin mit den Rocket Sisters da. Dann können wir zusammen nach Hause gehen.”
Er lächelte, tippte sich mit zwei Fingern lässig an die Schläfe und wandte sich zum Gehen. Erst da fiel Ophelia auf, dass sie mit Adelie alleine im Hangar war. Keine Flugzeuge, keine Kadetten, nur leere Cargo-Boxen und das übliche Wirrwarr an Schläuchen und Kabeln, die in Wartungsschächten verschwanden.
“Wo sind denn alle?”
“Draußen. Fliegen.” Adelie hakte eine Leiter in die Halterungen an der Stingray und kletterte hinauf zum Cockpit. Die gläserne Kabinenkuppel schwang mit einem leisen Zischen nach oben. Geschmeidig wie eine Katze ließ sich Adelie im Pilotensitz nieder. “Okay, Lia. Was soll ich tun?”
“Fahr die Systeme hoch. Vielleicht verrät uns ja der Computer mehr.” Ophelia erklomm ebenfalls die wackelige Leiter, um einen Blick auf die Bildschirme werfen zu können. Das Flugzeug erzitterte unter ihr, als Adelie es zum Leben erweckte. Die Kanzel bestand aus tausenden von Knöpfen in allen Farben, zwei Bildschirmen und diversen kleineren Displays, die Ophelia alle nichts sagten.
“Wie kannst du dir merken, was all die Knöpfe machen?” fragte sie verwundert.
“Üben, üben, üben. Bis man es im Schlaf kann. Und die Stingrays sind noch relativ simpel gestrickt. Dieses Semester fangen wir mit dem Barracuda Rating an, die haben zwei Piloten und noch mehr Funktionen.”
Von den Barracudas hatte Ophelia schon gehört. Es waren Zwei-Mann-Schiffe, mit genug Power unter der Haube, um eigenständig Kraftfelder von Planeten zu überwinden. “Sie lassen euch jetzt schon Raumschiffe fliegen? Wow.”
“Ja. Aber nicht jeder von uns wird sich am Ende qualifizieren.”
“Wie meinst du das?
Adelie rieb sich die Stirn über der Augenbraue. “Die Academy fängt früh an, auszusieben. Manche werden einfach immer Atmosphärenflieger steuern, und nicht in den Weltraum aufbrechen.”
“Oh.” Ophelia hatte einen Anfall von Bedauern für all die Kadetten, die es nicht schaffen würden. “Aus der Traum von den Sternen.”
Adelie lachte. “Nicht zwangsläufig. Mitfliegen werden sie schon, sie werden nur nicht selber fliegen. Die Geschwader und ihre Crews müssen auch transportiert werden. Aber,” sie klopfte mit dem Fingernagel auf das Glas des Bildschirms vor ihr, “zurück zu unserer eigentlichen Aufgabe: Das Baby muss wieder in die Luft.”
Sie hatte recht. Ophelia beugte sich über die Seitenwand um einen besseren Blick zu bekommen. “Vielleicht fangen wir mit den einfachen Dingen an. Kannst du sehen welche Betriebssystemversion installiert ist?”
“Klar.” Adelie presste ein paar Knöpfchen, und die Anzeige wechselte. “Hier. Aber… das ist doch nicht möglich? Das ist zwei Versionen älter als es sein sollte?”
Ophelia runzelte die Stirn. Adelie rief die Logfiles auf. Nichts was jemals an den Flugzeugen gemacht wurde, verlief unbemerkt. “Es wurde vor vier Tagen installiert. Um zwei Uhr in der Früh?” Sie rieb sich den Nasenrücken. “Zeitlich würde das passen. Seit etwa vier Tagen reagiert sie so langsam.”
“Lässt sich auch nachlesen, wer es installiert hat?”
Adelie schüttelte den Kopf. “Nein.”
Ophelia fummelte einen Datenstick aus der Brusttasche ihres Overalls. “Egal. Jetzt installieren wir erstmal wieder die aktuelle Version. Anschließend beheben wir die noch auftretenden Fehler. Wenn wir alles richtig machen, sollte sie sich wieder mit ihrer gewohnten Reaktionsfähigkeit fliegen lassen.”
“Ich hoffe es.”
Sie tranken Tee aus Pappbechern während sie darauf warteten, dass das Betriebssystem installierte. Durch die weit offenen Hangartore leuchtete der blaue Frühlingshimmel, und über dem Flugfeld flimmerte die Luft. Ab und an rollte eines der Jagdflugzeuge der anderen Staffeln vorbei, und von Weitem konnte man das Gebrüll der Maschinen hören, wenn sie abhoben.
“Du hast erwähnt, dass du dich mit Patrick nicht gut verträgst.” Ophelia suchte nach Hinweisen, wer Hand an Adelies Stingray gelegt hatte.
Adelie streckte ihre Beine aus und zupfte an ihrem Zopf. “Was heißt nicht gut vertragen. Er ist der Meinung, Frauen haben nichts in der USF verloren, und schon gar nichts in einem Cockpit zu suchen. Wegen mir kann er dieser Ansicht sein, nur hat sein Ego ein Problem damit, dass ich seit jeher in der Rangliste vor ihm stehe. Er ist nicht völlig unfähig, aber wenn er sich mehr anstrengen würde, könnte er wesentlich besser platzieren, als er es momentan tut.”
“Diese Geschwaderübung nächste Woche…?”
“Die ist wichtig für das Barracuda Rating. Nächste Woche sammeln wir die ersten Wertungspunkte. Warum willst du das alles wissen?” Adelie sah sie prüfend an.
Ophelia zuckte mit den Schultern. “Ich habe eine vage Vermutung. Es ist nur dein Flugzeug, das Probleme macht. Ich habe herumgefragt, die anderen sind alle unauffällig. Du bist aber auch die Einzige mit einem direkten Rivalen, der einen Bruder in der Technikergruppe hat.”
Adelie schwieg eine Weile. Dann seufzte sie. “Es wäre Patrick zuzutrauen, mir auf diese Art und Weise das Leben schwer zu machen. Es ist ein einfacherer Weg, als Stunden im Simulator zu sitzen um selber besser zu werden.”
Ophelia rieb sich das Kinn. “Patrick hat über Miles Zugriff auf die Flugzeuge, auch auf deines. Es wäre ein leichtes für Miles, dir unbemerkt ein veraltetes Betriebssystem aufzuspielen. Und es wäre auch nie aufgefallen, wenn ich nicht eines der neuen Diagnosegeräte zum Testen bekommen hätte. Die anderen lesen schlicht nicht soviel aus, als dass jemand was Auffälliges hätte bemerken können.”
“Ich hatte mich schon gefragt, wie du an das Gerät gekommen bist.”

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