22/10/2017 um 06:00

Ep.02 – Stingray Ärger

Die frühe Stunde der Begrüßung war nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was die Rekruten an der Akademie erwartete. Der Tag begann mit rigorosem Frühsport, der Ophelia bewies, dass sie Muskeln hatte von deren Existenz sie bisher nichts geahnt hatte. Der Rest Tages war zum bersten mit Vorlesungen und Seminaren gefüllt, zumindest an dieser Stelle bestand kein Unterschied zur zivilen Hochschule. Dort hatte sie sich allerding nicht auch noch um die Pflege der Stingrays kümmern müssen. Zu ihrer Erleichterung waren die ‘rays keine exotischen Fische, sondern die Jagdflugzeuge der Kadetten. Abends saß sie noch bis spät in die Nacht über ihren Büchern, bis sie dann todmüde ins Bett fiel. Ophelia fühlte sich die ersten Wochen, als würde sie nur am Wochenende Zeit finden, überhaupt zu schlafen. Und wie auch schon an der Technischen Hochschule, war sie die einzige Frau in ihrer Gruppe. Sie kam mit allen Jungs gut zurecht, bis auf eine Ausnahme: Miles Bukovski schien mit niemandem zurecht kommen zu wollen, auch nicht mit den anderen. Er hatte für jeden nichts als schneidende Bemerkungen übrig, und machte die meiste Zeit ein sauertöpfisches Gesicht. Ophelia gab ihr Bestes, seine abfällige Bemerkung darüber, dass man auf ihrer dunklen Haut die Ölflecken nicht so sehen würde, nicht an sich heranzulassen. Um so mehr freute es sie, als sie eines Tages in die Werkhalle lief und sah, wie Miles offensichtlich Ärger hatte. Er stand an seinen Werktisch gepresst, sich nach hinten lehnend, verzweifelt nach einem Ausweg suchend. Vor ihm stand Adelie, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie fixierte Miles mit zusammengekniffenen Augen, ihr Kinn vorgeschoben, der Mund ein schmaler Strich. Als Adelie sprach, war ihre Stimme war kalt genug um Drinks damit zu kühlen.

“Wenn ich sage, ich möchte meine Stingray überholt haben, weil sie sich fliegt als wäre die Luft aus Sirup, dann möchte ich keine schnippische Antwort bekommen, ist das klar?”
“Klar,” brachte Miles hervor. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. Ophelia tat so, als müsste sie etwas in ihrer Werkzeugkiste verstauen und bückte sich, da sie sich ihr Grinsen nicht länger verkneifen konnte. Was für ein glorioser Moment. Ein verstohlener Blick durch die Halle zeigte ihr, dass sie mit diesem Gefühl der Schadenfreude nicht alleine war. Niemand bemühte sich, ihm zur Seite zu stehen. Adelie drehte sich um und verließ mit einem irritiertem Gesichtausdruck die Halle, als würde sie sich fragen, warum sie überhaupt hier hatte erscheinen müssen.

“Wer kam auf die Idee, Frauen ins Cockpit zu lassen?” Miles hatte sich schnell von seinem Schock erholt. “Meint mir sagen zu müssen, dass das Waffensystem zu langsam reagiert hat und die Steuerung nicht empfindlich genug war. Was für Ansprüche hat dieses Weibsbild?”
Ophelia konnte ihre Antwort nicht herunterschlucken. “Ein funktionierendes Präzisionsflugzeug, mit dem sie ihre Aufgaben erledigen kann? So unverhältnismäßig hörte sich ihre Forderung nach einer Überholung nicht an.”
“Natürlich nimmt der Kakadu sie in Schutz! Ihr Weiber steckt doch eh alle unter einer Decke!” Miles schlug beleidigt mit der flachen Hand auf die Tischplatte. “Du kannst das übernehmen, wenn du es sowieso besser weißt! Ich habe Besseres zu tun, als deren Papierflieger zu reparieren.”
Ophelia und die anderen sahen sich verwundert an. Sie hatten die Order, die Jagdflugzeuge des Albatrossgeschwaders zu warten, was hatte Miles also daran auszusetzen? Kopfschüttelnd griff sich Ophelia ihr Diagnosegerät und machte sich auf den Weg zum fliegenden Patienten. Sie war neugierig und brannte darauf, Adelie Klaiber persönlich kennenzulernen.

Die Gesuchte stand neben ihrem Flugzeug und unterhielt sich mit einem Mitglied ihrer Boden-Crew.
“Tut mir echt leid, Princess. Mit der Mechanik ist alles in Ordnung, aber für die Innereien sind wir nicht zuständig. Dafür braucht’s die Knallerbse.”
“Miles ist keine Knallerbse, Josh.” Die Pilotin schüttelte leicht lächelnd den Kopf. “Sehr von sich überzeugt, aber keine Knallerbse.”
Ophelia klopfte mit der flachen Hand gegen die Hülle des silbernen Jägers. “Will sie nicht so wie sie soll?”
Adelie sah auf und sie verwundert an. Eine Augenbraue wanderte fragend in die Höhe. Ophelia versuchte ein Lächeln. Josh lächelte zurück und verabschiedete sich mit einem Nicken.
“Ich habe mitbekommen, wie Sie mit Miles aneinander geraten sind. Da dachte ich… ich könnte… ” Das Gesicht der jungen Pilotin war eine emotionslose Maske als sie Ophelia von oben nach unten betrachtete, und es brachte Ophelia aus dem Konzept. “Ich, uh…”
Dann brach ein Lächeln durch die unnahbare Façade und ihr wurde eine Hand entgegengestreckt. “Hi. Ich bin Adelie. Und du bist…?”
“Ophelia LeBlanc.”
“Und du willst Miles Fehler wieder gut machen?”
“Mir wurde aufgetragen, Flugzeuge zu warten. Deines benötigt offensichtlich etwas mehr Zuwendung. Nur deswegen bin ich hier.”
Adelie lachte. “Das ist die richtige Einstellung, um es in Westerhaven weit zu bringen. Wenn Miles das nur verstehen würde. Er ist seinem Bruder sehr ähnlich.”
“Miles hat einen Bruder?” fragte Ophelia beiläufig, als sie ihr Diagnosegerät aus seinem Holster an ihrem Gürtel zog.
“Ja, Patrick. Er ist meiner Staffel, und… wir sind uns nicht ganz grün. Beide scheinen sich zu sehr auf den langen Arm ihres Vaters zu verlassen, und ich weiß nicht, ob das auf Dauer gut geht.”
Ophelia zupfte das Kabel mit dem Verbindungsstecker aus seiner Klammer und öffnete die Klappe mit den Wartungsports am Bauch der Stingray. “Langer Arm? Ist ihr Vater jemand besonderes?”
“Papa Bukovski ist ein Fünf-Sterne-General und ein Kriegsheld. Und er hat hohe Erwartungen an seine Söhne.” Die Pilotin ließ sich auf einer grauen Cargo-Kiste nieder und verfolgte Ophelias Vorgehen. “Ich habe bei beiden nicht den Eindruck, als wäre eine Karriere in der United Space Force ihre erste Wahl gewesen. Papa Bukovski scheint allerdings keinen Widerspruch gelten zu lassen.”
“Das erklärt einiges.” Ophelia verband das Diagnosegerät mit dem entsprechenden Port und drückte den Start-Button. Das Gerät verkündete mit einem Zirpen, dass es erfolgreich Kontakt mit dem Bordcomputer aufgenommen hatte.
“Laut Miles ist alles im grünen Bereich.” Adelie stützte ihre Ellbogen auf ihren Knien auf und sah sie abwartend an.
“Laut Miles.” Ophelia gab nicht viel auf seine Meinung, und ihre Miene schien das auch zu vermitteln, denn Adelie grinste nur.
Ein Signalton verkündete das Ende der Diagnose. Der Screen zeigte viele grüne Haken, aber auch einige orangene und rote Ausrufezeichen.
“Ich würde das Ergebnis nicht als lebensgefährlich einstufen, aber auch nicht als im grünen Bereich.” Ophelia runzelte die Stirn, während sie auf den kleinen Bildschirm starrte. Etwas passte nicht zusammen.
Eine Bewegung neben ihr lies sie aufblicken. Adelie hatte sich zu ihr gesellt und warf einen kritischen Blick auf den Screen.
“Das sieht völlig anders aus, als das was auf Miles’ Gerät zu sehen ist. Und wie kommen diese unterschiedlichen Ergebnisse zu Stande?”
Ophelia grinste und klopfte auf das Diagnosegerät. “Das ist das neueste Modell. Liest alle Sensoren aus.”
“Alle Sensoren? Tut das das andere Gerät nicht?” Adelie runzelte die Stirn.
Ophelia seufzte und setzte sich auf die Kiste, auf der zuvor Adelie gesessen hatte. “Nur die, die es kennt. Die Stingrays wurden alle mit neuer Fehlerdiagnostik versehen, neu verkabelt, neue Sensoren, das volle Programm. Nur war danach kein Geld mehr übrig, um auch die dazugehörigen Diagnosegeräte anzuschaffen.”
“Du machst Witze.” Adelie lehnte mit einem Stöhnen ihr Gesicht an die Hülle der Stingray. “Obwohl nein – das hört sich eindeutig nach USF an.”
“Kannst du mir nochmal genau dein Problem schildern?” Ophelia rollte durch die Ergebnisse, die alle nicht recht zusammenpassen wollten.
“Sie reagiert unglaublich langsam. Ich muss immer 3 Sekunden vorrausdenken. Es ist, als würde man mit dem Stick in Sirup rühren.”
“Hm. Wer hat sie zuletzt gewartet?”
“Miles.”
“Hmmm.”
Adelie drehte sich um, und sah sie an. “Was ist los?”
“Errr… die Daten ergeben keinen Sinn. Manche Sensoren, die es eigentlich immer, egal ob neue oder alte Version des Gerätes, auslesen sollte, registrieren nicht. Wiederum andere, die nur die neue Version abrufen kann, sind da. Ich kann mir das nicht erklären.”

Die Diskrepanzen im Diagnoseergebnis ließen ihr so sehr keine Ruhe, dass Ophelia lange keinen Schlaf fand. Sie drehte sich von einer Seite zur anderen, doch eine Erklärung wollte sich nicht finden lassen. Sie hatte Adelie empfohlen, das Flugzeug nicht zu fliegen, solange sie nicht die Ursache des Problems gefunden hatten. Die Pilotin war erstaunlich zugänglich ihrem Vorschlag gegenüber, obwohl Ophelia noch ein grünschnabeliger Rekrut war.
“Kein Problem, Lia, ich kann sie diese Woche stehen lassen. Ich werde einen Weg finden, das hinzubiegen. Nächste Woche haben wir allerdings eine große Geschwaderübung.”
Lia. Der erste Spitzname, der nicht auf ihr Äußeres Bezug nahm. Sie fuhr sich durch ihre Haare. Sie mochte ihren silbern gebleichten Irokesenschnitt, doch Miles hatte daraus nur “Kakadu” gemacht. Miles. Der Bruder von Patrick. Mit dem Adelie über Kreuz lag. Und nächste Woche eine große Geschwaderübung. Die Messwerte des Diagnosegerätes waren so konfus, dass sie fast glaubte, der Bordcomputer hätte einen Schaden. Der Bordcomputer! Ophelia fuhr wie vom Blitz getroffen hoch. Konnte es sein, dass jemand Adelies Flugzeug manipuliert hatte? Aber wer? Und warum?

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