15/10/2017 um 06:00

Ep.01 – Der Traum von den Sternen

Der grobe Baumwollstoff der rostroten Hose war steif und unbequem. Ophelia LeBlanc zupfte an der Naht der aufgesetzen Tasche. Um sie herum saßen ähnlich steife Hosen in blau und grün und weiß. Sie steckten in schweren, schwarzen Stiefeln, auf denen der Glanz von frischer Wichse schimmerte. Ophelia hatte zwei Paar dicke Wollsocken gebraucht, bevor sie nicht mehr das Gefühl hatte, sie würden drücken. Neues, steifes Leder, ohne Kratzer. Neue Hosen, ohne Falten. Über dem Paradenplatz hing ein Gefühl des Neuanfangs. Der erste Tag des neuen Sommersemesters. Sie war sich nicht sicher, ob sie sich an die Uhrzeiten, zu denen sich ihr neues Leben abspielen sollte, gewöhnen können würde. An der Technischen Hochschule wäre es keinem eingefallen, zu Sonnenaufgang eine Begrüßungsveranstaltung anzusetzen. Die Westerhaven Space Force Academy hatte offensichtlich andere Vorstellungen. Der scharfe Schlag einer einsamen Trommel zerschnitt das Getuschel und die Neuankömmlinge verstummten. Eine Gruppe von blau gekleideten Kadetten marschierte auf. Sie trugen keinen robusten Baumwollstoff, sondern weiche Wolle. Ihre zweireihige Uniformjacken saßen wie angegossen, und goldene Knöpfe glänzen im Morgenlicht. Blaue Uniform – die Kadetten mussten Angehörige eines der Geschwader Westerhavens sein. Sie war froh, dass die United Space Force alles und jeden mit einem Farbcode versah, aber ganz hatte Ophelia sich die Zuordnungen bisher nicht merken können. Das Einzige, was sie mit Sicherheit wußte, war dass die Techniker rostrot trugen. Zum monotonen Rühren der Trommel gesellte sich der klare Ton einer Trompete. Stiefel knallten auf dem Asphalt und Befehle wurden gebellt. Ophelia widerstand dem Bedürfnis, sich zu ducken. Die Kadetten formten zwei Blöcke, ihre Reihen wie mit der Schnur gezogen. Die Präzision war beeindruckend, und es dämmerte ihr, dass auch ihr viele Stunden auf diesem asphaltiertem Rechteck bevorstanden. Ein weiterer Befehl hallte über alle Köpfe. Aus der vordersten Reihe traten zwei Personen. Schneidig sahen sie aus in der blauen Uniform, dachte Ophelia. Sie waren groß, aber das war nicht weiter erstaunlich. Wenn ihre Beobachtungen korrekt waren, zog die USF keinen Mann unter einem Meter achzig. Zu ihrer Überraschung war einer der beiden eine junge Frau. Sie war fast genauso groß wie ihr Kamerad und ähnlich breitschultrig gebaut, weswegen Ophelia sie zuerst für einen Mann gehalten hatte. Erst der ordentliche Knoten brauner Haare, der im Nacken unter dem Beret saß, gab einen unmissverständlichen Hinweis. Zusammen boten sie einen harmonischen Anblick, wie sie Seite an Seite mit gemessenem Schritt zur Fahnenstange gingen. Die Pilotin trug die akurat zusammengefaltete Fahne in ihren weiß behandschuhten Händen.

Die Zeremonie begann, Befehle wurden gerufen und beantwortet, Hacken geschlagen und salutiert. Schließlich wehte die Fahne oben am Mast, und die beiden Kadetten kehrten im gleichen gemessenen Schritt wie zuvor an ihre Plätze zurück. Ein Mann, der zu der Kategorie Kleiderschrank des menschlichen Körperbau-Spektrums gehörte, trat vor die Zuschauermenge.

“Rekruten.” So adressiert, nahmen alle automatisch mehr Haltung an. “Das Geschwader Albatross mit seinen beiden Staffeln begrüßt Sie herzlich in der Westerhaven Space Force Academy.” Es folgte ein halbstündiger Exkurs über die Geschichte der Space Force im Allgemeinen und der Akademie im Besonderen, und Ophelia kämpfte damit, nicht einzuschlafen. Es war entschieden zu früh und zu kalt, um eine Geschichtsstunde gehalten zu bekommen. Doch dann räumte der bullige Mann seinen Platz und die junge Kadettin, die beim Appell die Fahne getragen hatte, trat vor. Sie war femininer, als Ophelia von ihrer Rückansicht erwartet hätte, und ausgesprochen hübsch. Ein apart geschnittenes Gesicht umrahmte große, dunkle Augen. Sie lächelte die Gruppe vor ihr freundlich an.

“Guten Morgen.” Eine warme, klare Stimme. “Sie werden sich fragen, warum ich vor Ihnen stehe, und nicht jemand mit einem höheren Rang. Um ehrlich zu sein, das habe ich mich auf gefragt.” Gelächter. “Major Payne, der sie gerade begrüßt hat, sagte zu mir: ‘Sie sind die richtige, Klaiber. Sie haben schon mehr als ein Leben gelebt.’ Dagegen konnte ich schwer was erwidern, und so stehe ich hier um Ihnen etwas über Träume zu erzählen. Träume – Träume sind wichtig. Mein erstes Leben erscheint vielen als erstrebenswerter Traum. Ich bin auf Eden geboren, als Baroness Adelie von Klaiber, in ein Leben voller Überfluss und Reichtum.”

Ophelia schluckte. Eden war ein Planet in einem friedlichen und prosperienden Teil der Galaxie. Und Baroness! Vor ihr stand ein Spross aus einer der einflussreichsten und mächtigsten Familien dieses Planeten. Wie kam sie hierher, nach Westerhaven, in die tiefste Provinz der Galaxis?
“Überfluss und Reichtum sorgen für ein schönes Leben, aber auch für Langeweile, wenn man das dritte Kind ist, und zwei mustergültige Geschwister vor sich sitzen hat. Ich träumte vom Ausbrechen, und das tat ich schließlich in Form von Autorennen. Halsbrecherische Geschwindkeiten, beinharte Zweikämpfe, und der Thrill des Gewinnens. Mein nächster Traum war, die Planet 500 Tour zugewinnen.”
Hinter Ophelia flüsterte jemand bewundernd seinem Nachbarn zu: “Das ist die härteste Rennserie überhaupt.”

Die junge Baroness wanderte gelassen die vorderte Reihe der Rekruten ab, während sie weiter sprach. “Kommen wir zu dem Teil mit den mehreren Leben. Ich habe die Planet 500 tatsächlich gewonnen. Nach drei Versuchen, überhaupt mitfahren zu dürfen. Als jüngster Fahrer und als erste Frau überhaupt. Ich bin in manchen Kreisen dieser Zivilisation eine Legende. Es stellt sich die berechtigte Frage, was ich dann hier mache. Ich könnte mich zurücklehnen und am Strand von Bellini 3 Cocktails schlürfen.” Sie zwinkerte ihrem Publikum zu und manche lachten. Lebende Legende oder nicht, sie schien erfrischend bodenständig zu sein. Dann wurde ihr Gesicht ernst. “Als ich damals diesen Pokal in den Händen hielt, dachte ich, das ist es. Dafür hab ich mein ganzes junges Leben lang hingearbeitet. Du bist die Königin der Rennfahrer, Adelie. Jeder muss dir die Stiefel küssen. Doch das Leben hatte andere Pläne mit mir. Zur Hälfte der nächsten Saison musste ich meine Karriere ungeplant und sehr unwillig beenden. Aus war der Traum.”
Ein Raunen ging durch die Menge.

“Nach meiner Rückkehr erschien mir Eden noch langweiliger als zuvor. Nachdem ich dann beinahe jemanden geheiratet hätte, der nicht der idealste Ehemann geworden wäre, sagte ich mir: ‘Kind, du musst mit deinem Leben etwas sinnvolles anfangen.’ Und so wurde mein neuer Traum der Traum von den Sternen. Ich habe mich allerdings mehr als einmal seitdem gefragt, ob die Cocktails auf Bellini 3 nicht die bessere Wahl gewesen wären. Besonders dann, wenn man durch den Schlamm robbt und von jemandem angebrüllt wird, von dem man gerade nur die Stiefel sieht.” Wieder Gelächter in den Reihen der Rekruten. Ophelia betrachtete die junge Baroness eingehend. Sie stand breitbeinig und selbstbewußt da und suchte den Blickkontakt. Kein Staubkorn war auf ihren Stiefeln zu sehen, und kein Haar in ihrem kastanienbraunen Knoten stand ab. Die braunen Augen leuchteten mit einem Feuer der Begeisterung, das ansteckend wirkte. Ophelia verstand, warum Payne sie ausgewählt hatte, zu ihnen zu sprechen. Sie war das ideale Vorbild.

“Hier auf Westerhaven ist es unbedeutend, wer man ist und wer man vorher war. Hier sind alle gleich, und alle haben Leistung zu bringen. Es ist hart. Es tut weh. Manchmal hängt man in den Büschen und kotzt sich die Seele aus dem Leib. Aber der Traum ist immer da. Uns alle hat der Traum nach den Sternen hierher geführt. Westerhaven bildet Offiziere aus. Sie werden eines nicht so fernen Tages Leute befehlen, die diesen Traum auch haben. Und Sie sollten das nie vergessen, auch nicht, wenn Sie einmal das Paar Stiefel sind, die jemand sieht wenn er im Schlamm robbt. Wir alle haben den Traum von den Sternen.”

Damit salutierte sie zackig und trat zurück an ihren Platz. Ophelia bekam vom Rest der Ansprachen nicht mehr viel mit. Ihre Augen kehrten immer wieder zu der jungen Frau zurück, die da unten auf dem Platz stand, unter dem blauen Banner von Westerhaven, und ihrem Traum von den Sternen.

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